Der Üppige Rübling

Gymnopus (Collybia) luxurians (Peck) Murill ist gut in Deutschland angekommen.

K. Montag (red), Dr. Thomas Münzmay, Robert-Koch-Str. 21, Dormagen und Günter Saar, Dammenmühle 7, 77933 Lahr

Sicher gehört dieser mastige, büschelig wachsende Rübling mit dem leichten Kohlgeruch in Nordamerika zu den weit verbreiteten Arten und zu denen, die es "über den großen Teich geschafft haben". Bestimmt wird sich diese bestens charakterisierte Art weiter im europäischen Rindenmulch ausbreiten. Spätestens seit 1997 ist der Üppige Rübling auch in Deutschland heimisch. Zuvor siedelte er bereits im September 1989 in Eindhoven (Niederlande), im Oktober 1993 in Claoucy (Frankreich), im August 1994 Nijverdal (Niederlande), im gleichen Jahr, im September 1994 in Ravenna (Italien) und jetzt endlich in Deutschland.
Funddaten dieser Aufsammlung: PLZ 66839 Schmelz, MTB 6507-c, 8.7.99, im gemulchten Beet unter Bodendeckerrosen. Die dichten Büschel waren sehr unauffällig und hoben sich von der Hintergrundfarbe kaum ab. Zudem standen sie stets genau unter den Rosen direkt am Strunk und waren daher kaum zu entdecken. Die Pilzbüschel waren immer unmittelbar mit abgestorbenen Teilen des Wurzelstrunkes der Rosen verwachsen.
Die Pilze fruktifizieren nunmehr seit drei Jahren an diesem Standort. Der Nadelholz-Rindenmulch wurde in der Zeit einmal erneuert.
Funddaten der beiden Vorjahre: 10.9.98, gleicher Standort, zwei Büschel. 15.8.97, nur zwei Fruchtkörper an Rosenstockbasis des im Frühjahr 1996 angelegten Beetes.
Beschreibung: Hut 2 - 12 cm Durchm., dünn, jung zart, alt etwas knorpelig, bei ausreichend Freiraum kegelig-gewölbt, dann flach kegelig oder gar ausgebreitet und am Ende mit vertiefter Mitte. Im dichten Büschel kegelig-geschweift und stark verbogen. Hutrand alt nach außen oder nach innen umgeschlagen und die inzwischen verwachsenden und überall hervorquellenden Lamellen zeigend. Hutfarbe kastanienbraun, beim Abtrocknen stellenweise ungleichmäßig zu kupferfalb oder zu trist graubraun entfärbend, abgedeckte Exemplare auch heller milchkaffeebraun. Nicht hygrophan, nicht durchscheinend, Rand nicht gerieft, jung mit 1 - 2 mm breiter, hellerer Zone.. Hutoberfläche nackt und fettig glänzend, ähnlich dem Butter-Rübling Gymnopus butyracea, trocken matt und auffallend radialrissig oder radial gestreift. Feucht auch unregelmäßig höckerig oder verbeult, marmoriert fleckig, an runzelige und dunkle Formen des Rehbraunen Dachpilzes erinnernd, auch farblich ein guter Vergleich. Lamellen extrem dünn und zunächst engstehend, erst sehr alt etwas weiter und dann am Grund anastomosierend, cremefarben bis fleischrosa, später hellbraun, anfangs sehr schmal, dann bis zu 0,8 cm breit, kaum bauchig, ganz schmal angewachsen und manchmal mit Zähnchen etwas herablaufend, Schneiden gelegentlich gekerbt oder leicht gezähnelt, im Alter auffallend wellig-verbogen und zu neuen Lamellen auswachsend. Lamellenschneide im Alter partiell braun verfärbend. Lamellen auch im Alter nachdunkelnd und dann sogar mit helleren Schneiden. Stiel bis 12 cm x 2 cm, derb berindet, oft verdreht, holundermarkartig ausgestopft, zylindrisch, weder Spitze noch Basis auffallend verjüngt, aber manchmal flach zusammengedrückt/verbreitert, oben cremefarben wie die Lamellen, abwärts zunehmend schwarzbraun werdend, äußerste Basis ein wenig weißfilzig vom Myzel. Auf ganzer Länge weißlich bereift und stark längsfaserig überfasert bis gerieft. Im Alter zumindest in der oberen Stielhälfte stark höckerig-uneben werdend, auch feinschuppig an der Spitze. Fleisch weiß bis cremefarben im Hut, im Stiel etwas dunkler, jung zart, bei älteren Fruchtkörpern knorpelig-zäh, radial spaltend. Geruch pilzartig-aromatisch mit deutlicher, aber angenehmer Kohl-Komponente. Geschmack etwas herb, zusammenziehend, nicht bitter.

Sporen hyalin, glattwandig, J-, doppelt so lang wie breit. zylindrisch bis tropfenförmig mit seitlichem Appendix, 7,2 - 10,5 x 3,8 - 4,5 µm. Der Fund von Günter Saar hatte Sporen von 7,0 - 8,5 (-10) x 3,5 - 5 µm, die z.T. eckig verformt waren und feine Punktierungen aufwiesen. Sporenpulverfarbe weißlich, in dicker Schicht creme. Basidien schlank keulig, viersporig mit langen Sterigmen, 22 - 28 x 5 - 7 µm. Cheilozystiden verschieden geformt, meist zylindrisch mit knorrigen Auswüchsen, 20 - 40 x 5 - 15 µm. (Diese sind an den Fruchtkörpern mit bereits verfärbten Lamellenschneiden manchmal schwer zu beobachten, da die ganze sterile Lamellenschneide "verklebt" ist. Am besten geht es in diesem Fall, wenn man ein Stückchen Lamellenschneide mit Baumwollblau überdeckt und den Objektträger von unten mit einem Feuerzeug erhitzt. Anschließend Farblösung abtupfen mit Wasser bedecken und gut quetschen.) Pleurozystiden keine gesehen. Hutdeckschicht aus liegenden, insgesamt radial ausgerichteten, 3 - 6 µm dicken, verflochtenen Hyphen, die vom Pigment körnig gelbbraun inkrustiert sind. Die oberste Schicht ist aber farblos. Stielbekleidung aus farblosen zylindrischen, vertikal verflochtenen Hyphen mit großen Schnallen, die in der äußeren Lage einzeln oder büschelig - ähnlich Kaulozystiden - aufgerichtet sind. Einzelne Hyphen der inneren Stieltrama mit deutlich dextrinoidem Inhalt. Lamellentrama nicht dextrinoid.Der Pilz läßt makroskopisch zumindest im Jungzustand und bei kleinen schmächtigen Büscheln ein wenig an den Unverschämten Rübling Gymnopus impudica denken und er ist mit diesem nah verwandt: Gemäß Gattungs- und Artenkonzept von Rolf Singer (1986) gibt es in der Sektion Vestipedes (sinngemäß zu übersetzen mit "Stielbekleidete") weltweit ca 26 Arten, unter anderen so bekannte und weit verbreitete wie der Brennende Rübling und der Knopfstielige Rübling. Keine der im Verbreitungsatlas der Großpilze und keine der im aktuellen "Moser" erfaßten Arten hat eine Merkmalskombination, die auf diese charakteristischen, standorttreuen Kollektionen paßt. Insbesondere gibt es in der ganzen Sektion keine Art, die eine nur annähernd passende Sporengröße aufweist. Es hat drei Jahre gedauert, bis sich der Pilz bestimmen ließ und es erforderte auch diese umfangreiche Kollektion, um die Merkmalsamplitude erfassen zu können. Der Üppige Rübling hat seinen Namen wahrlich verdient: Jedes der Büschel, die sich am Mittelstrunk eines Rosenstockes ausbreiteten, wog weit mehr als zwei Kilo. Während die an der Oberfläche sichtbaren Hüte längst graubraun entfärbt waren, waren darunter noch zahllose, zarte, hellbraune Fruchtkörper, die die Frage aller Fragen provozieren... Sie wissen schon.....

Machen wir es kurz: er ist eßbar und durchaus wohlschmeckend. Sogar ein Glas Wein konnte die kulinarischen Qualitäten dieses angenehm knackigen, aromatischen Pilzes nicht mindern.
Sicher wird sich diese Art weiter rasant ausbreiten. Wahrscheinlich sogar ein heißes Thema für die Züchter werden.
Den Rosen selbst schienen die sich unter ihnen drängelnden Fruchtkörper samt ihrem Vegetationskörper nichts auszumachen: Es ging den meisten von ihnen offensichtlich gut, manche machten sogar den Eindruck, daß es ihnen mit Pilzen sogar besser ging als ohne.In der deutschsprachigen Literatur gibt es bislang keine Abbildungen des Üppigen Rüblings. Zu sehen ist er lediglich bei Bon (1996) und bei Antonin & Noordeloos (1997). Noordeloos ist auch der erste, der eine detaillierte Beschreibung in der europäischen Literatur gibt. Von unseren Beobachtungen weicht sie in einigen Punkten ab: Während er keinerlei positive Jod-Reaktionen beobachtet hat, konnten wir in unserer Kollektion im Stielmark einzelne dextrinoide Hyphen erkennen.
Auch die Angabe "Lamellenschneiden farblos" können wir nur teilweise bestätigen: Zumindest im Alter nehmen die sich kräuselnden Lamellenschneiden partiell eine braune Farbe an, auch bei frischen Fruchtkörpern.Die nächst verwandten Arten sind der seltene Unverschämte Rübling Gymnopus impudicus und der in Eichenarealen verbreitete Spindelige Rübling G. fusipes. Ersterer wächst ebenfalls in Rindenmulch und wurde in diesem Fall sogar in einem Rosenbeet gefunden.
Was den Geruch anbelangt, so dürfte sowohl im Unverschämten Rübling als auch im Üppigen Rübling die Lentinsäure, ein schwefelhaltiges g-Glutamyl-Peptid, enthalten sein. Sie ist verantwortlich für den Geruch nach faulendem Kohl, der im Unverschämten Rübling reichlich vorhanden ist und den Pilz aufdringlich stinken läßt. Im Üppigen Rübling ist dieser spezifische Geruch nur als schwache, keinesfalls unangenehme Duftkomponente (wie im Shii-take) wahrnehmbar. Wir drei hatten am Standort Gelegenheit den Pilz ausgiebig zu studieren. In der Folge suchten wir selbstverständlich gemulchte Beete nach ihm ab. In Bad Krozingen wurde einer von uns, Günter Saar, am 20.7.99 fündig. Fast alle gemulchten Beete um eine KLinik beherbergten Büschel unseres Pilzes, aber auch Einzelfruchtkörper (diese eher auf sonnigen Beeten). Die Pilze wuchsen nicht wie in Schmelz direkt an der Basis der verschiedenen Sträucher, sondern waren über die Fläche verteilt. (Keine Rosen!) Sie fruktifizierten zusammen mit dem Hellhütigen Waldfreund-Rübling Gymnopus aquosus.An zahlreichen weiteren Standorten suchten wir bisher vergeblich.Ein Wort noch zur botanischen Bezeichnung der Gattung: Gemäß Antonin & Noordeloos heißt diese neuerdings Gymnopus, wobei die beiden Autoren den Nomenklaturcode von 1983 konsequent anwenden. Die Namensänderung rührt daher, daß die Sklerotienrüblinge Collybia tuberosa, cookei und racemosa als eigenständige Gattung abgetrennt wurden. Die seither mehrfach als Microcollybia bezeichneten Sklerotienrüblinge dürfen diesen Namen nicht tragen, weil der Name Collybia Priorität genießt. Akzeptiert man - einigen Mykologen folgend - daß es sich bei den Sklerotienrüblingen um eine eigenständige Gattung handelt (mit dem Braunknolligen Sklerotienrübling C. tuberosa als Typusart), so muß man auch für die Rüblinge im engeren Sinn (mit dem Spindeligen Rübling C. fusipes als Typusart) einen neuen Gattungsnamen akzeptieren: Gymnopus eben. Wir haben in der vorliegenden Arbeit den Namen Gymnopus auf Grund der Autorität von Machiel E. Noordeloos übernommen. Es ist allerdings damit zu rechnen, daß auch in diesem Fall, wie in den vergangenen Jahren so häufig, das letzte Wort nicht gesprochen ist.
Zum Schluß noch eine kleine, für die Bestimmung des Üppigen Rüblings vielleicht nützliche Anekdote zum Schluß: Der Pilz fruktifizierte genau in dem Blumenbeet auf dem Marktplatz von Schmelz, auf dem die Mitautorin alldonnerstäglich den Stand aufbaut. Das besondere Interesse für die ungewöhnliche Pilzart in dem gemulchten, ansonsten ziemlich ungepflegten kommunalen und ständig veranstaltungs- und kirmesgeschädigten Rosenbeet blieb den Kollegen nicht verborgen. Und alle, aber wirklich alle, die sich, näher interessiert über die Büschel von jungen Frruchtkörpern beugend, äußerten, meinten: "Sieht aus wie Hundesc ...." Vulgärsprache, zugegeben, aber ein gutes Merkmal.

Literatur: 
Antonin, V. & Noordeloos, M. E. (1997): A Monograph of Marasmius, Collybia and related genera in Europe. Part 2. IHW-Verlag, Eching
Bon, M. (1996): Deux espèces americaines devouvertes dans le Sud-Ouest de la France. Doc. Myc. Fr. 26(103).
Clemencon, H. (1997): Microcollybia tuberosa oder Collybia tuberosa? Schweiz. Z.P. Heft 2/97, S. 35
Noordeloos, M. (1995): Collybia. Flora Agaricina Neerlandica. Verlag Balkema, Rotterdam

Epilog: Schreck in der Morgenstunde: Am Donnerstag, dem 19.8.99 war das Rosenbeet keins mehr. Abgeräumt. Alle Rosen und der wild gewachsene Ahorn waren eliminiert und das Beet bot einen Anblick wie nach einem Bombeneinschlag. Nicht daß das Beet vorher viel besser ausgesehen hätte... Offenbar war den aus den Fenstern des angrenzenden Rathäuschens blickenden Staatsbediensteten die zerrupfte Anlage schon lange ein Dorn im Auge.... Sie ließen sie folgerichtig plattmachen. Sehr zum Verdruß etwaiger Pilzfreunde. Doch muß man den Gemeindeoberen zugute halten, daß sie von der Existenz des in Deutschland erstmals nachgewiesenen Üppigen Rübling keinen blassen Schimmer hatten. Inzwischen wurde das Beet neu angelegt.Immerhin konnte man in dem entpflanzten Beet die Grenzen des Myzeliums klar erkennen: es hatte sich auf einem Drittel der etwa 50 qm großen Beetfläche gleichmäßig bis zum Rand ausgebreitet, den Nadelholzrindenmulch zu einer fest zusammengebackenen, scharf abgesetzten, hell kartonbraunen Masse verwandelt, die mit den Rosen offenbar gar nichts zu tun hatte. Scheinbar nutzten die Fruchtkörper nur den Schatten der Rosenbüsche zur ungestörten Fruktifikation.
Die vertikale Grenze des Myzeliums bildete der vor etwa 6 Jahren eingebrachte Mutterboden: unterhalb des 3 - 6 cm dicken Rindenmulches konnten keine weiß durchwachsenen Stellen ausgemacht werden.
Um zu retten, was zu retten war, wurde ein Teil des durchwachsenen Rindenmulches in einen Plastiksack verfrachtet (Diebstahl öffentlichen Eigentums oder Protektion seltener Arten??) und wird seither hier sorgsam aufbewahrt und feucht gehalten. 

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