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Was
sind eigentlich Bauchpilze ?
Klare Antwort: Pilze, die
ihre Sporen im Inneren, sozusagen im
Bauch entwickeln. Was aber bei Bovisten und Stäublingen gut
vorstellbar ist,
ist bei den Stinkmorcheln nicht auf den ersten Blick zu erkennen. Oder
andersherum gefragt: warum sind Trüffeln keine Bauchpilze, wo
die doch ganz
sicher ihre Sporen im Bauch haben? Und überhaupt: kann man
einen Bauchpilz als
solchen mit bloßem Auge erkennen?
Nein, kann man nicht. Genausowenig, wie man
generell einen Ständerpilz von einem Schlauchpilz
unterscheiden kann. Wenn Sie
es nicht bereits wissen (z.B. weil sie die Art kennen) und keine
mikroskopische
Untersuchung vornehmen, können Sie einem Pilz
grundsätzlich nicht ansehen,
welcher der vier Abteilungen des Pilzreiches (Tintling 1/98:16) eine
Art, eine
Gattung oder oder eine Familie angehört.
Was also ist das gemeinsame Merkmal der
Gastromyzeten, deren Bezeichnung sich vom griechischen Wort
für gaster = Bauch
und mykes = Pilz ableitet? Oder frei nach Goethes Dr. Faustus gefragt:
was ist
es, das die Bauchpilzwelt im Inneren zusammenhält? Nun,
Bauchpilze sind
allesamt Basidiomyzeten, Ständerpilze, deren
Fruchtkörper während der
Sporenentwicklung geschlossen bleiben. Sie bilden also ihre Sporen
nicht auf
einer freiliegenden Oberfläche wie z.B. die
Blätterpilze auf einer Lamelle,
sondern innerhalb einer geschlossenen, mehr oder minder dicken
Hülle (Peridie)
in sogenannten Glebakammern auf "inneren" Oberflächen aus. Sie
haben
nicht die (in diesem Fall völlig nutzlose) Fähigkeit,
ihre - stets
symmetrischen - Sporen aktiv abzuschleudern, sondern sind zur
Freisetzung ihrer
Reproduktionszellen auf äußere Einwirkungen
angewiesen, Diese - mechanischen -
Einwirkungen zerstören die äußere
Hülle, wie auch immer, bei der
Sporenreife. Ansonsten bilden die Bauchpilze eine höchst
uneinheitliche Klasse
mit vielen artenarmen Gattungen, teilweise bizarren
Fruchtkörpern und höchst
kreativen Verbreitungsmechanismen.
Betrachten wir nur den exotisch anmutenden,
stark in Ausbreitung begriffenen Tintenfischpilz: zur Ordnung der
Rutenpilze (Phallales) gehörend, zeichnet er sich wie die
allbekannte Stinkmorchel durch
ein styroporartiges Gebilde, das Rezeptabulum aus. Dieses enorm
streckungsfähige Element sprengt gegen Ende der
Sporenentwicklung die zähe
Hülle des zunächst unterirdisch wachsenden Hexeneies
und befördert so die
breiige Gleba mit den reifen Sporen an die Luft. Der durchdringende
Aasgeruch
der meisten Phallales entsteht übrigens nicht in der Gleba,
sondern am Rezeptabulum und zwar erst im Kontakt mit dem Luftsauerstoff
nach erfolgter
Streckung. Gleichwohl ist es dieser Geruch, der Insekten anlockt, die
die
Sporenmasse fressen und somit für die Sporenverbreitung
sorgen. Die Phallales
werden übrigens in zwei Familien aufgeteilt: zum einen die
Gitterlinge (Clathraceae),
zu denen der unten abgebildete Tintenfischpilz gehört und die
sich durch ein
mehrteiliges Rezeptabulum und der Gleba auf der Innenseite auszeichnen.
Die
zweite Familie ist die der Phallaceae mit ungeteiltem, stielartigem
Rezeptabulum
mit der Gleba auf der Oberfläche. Zu der letztgenannten
Familie zählt die
Stinkmorchel, die Hundsrute und die Schleierdame. Jede der hier
aufgeführten
Arten gehört nach heutigem Verständnis zu einer
eigenen Gattung, deren
Unterscheidungsmerkmale aber hier nicht aufgeführt werden
sollen.
Wenden wir uns
zunächst lieber den Gattungen zu, deren Zugehörigkeit
zu den Bauchpilzen viel
leichter nachvollziehbar erscheint: den Stäublingen, Bovisten,
Stielbovisten
und Erdsternen. Insgesamt bilden sie die Ordnung der Lycoperdales.
Ihnen allen
ist gemein, dass die Gleba bei der Reife durch Selbstauflösung
(Autolyse) der
viersporigen Basidien und der Tramahyphen pulverig zerfällt
und dass die Sporen
durch eine wie auch immer entstandene Öffnung (meist am
Scheitel) entlassen
werden. Die Art dieser Öffnung ist denn auch eines der
Kennzeichen bestimmter
Gattungen: während die äußere
Hülle der Beutelstäublinge (Calvatia) und der
Riesenboviste (Langermannia) durch Zerfall öffnet, bildet sich
bei Stäublingen
und Bovisten ein unregelmäßiges Loch. Ein
richtiggehend komplizierter Apparat
ist die Mündung bei den Erdsternen und Stielbovisten. Man
nennt sie Stoma oder
Ostiolum und sie kann ganz unterschiedlich und differenziert
ausgebildet sein.
Im obenstehenden Foto des Zitzen-Stielbovistes Tulostoma brumale sind
zwei
unterschiedliche Strukturen zu erkennen: die röhrchenartige,
glattrandige
Mündung und ein diese umgebender kreisförmiger
Bezirk, das Peristom. Beides
zusammen erinnert an eine Brustwarze und ist so ein gutes
Unterscheidungsmerkmal
zu einer zweiten Art der Gattung: der Gewimperte Stielbovist Tulostoma
fimbriatum hat eine unregelmäßig eingerissene,
fransige Mündung.Die
Sporenöffnungen entstehen nun ebenfalls auf unterschiedliche
Weise und wiederum
in komplexem Zusammenhang mit dem Aufbau der
Fruchtkörperhülle, der Peridie.
Diese nämlich ist in Struktur, Anzahl und Aufbau der einzelnen
Schichten sehr
unterschiedlich und kann an dieser Stelle nicht in Einzelheiten
dargestellt
werden. Es wird jedoch schon jetzt auf eine angekündigte
spätere Arbeit
hingewiesen, in der Wolfgang Finck ausführlich und kompetent
über alle vier in
Deutschland vorkommenden Arten dieser Gattung berichten wird.
Eine besonders
auffällige Struktur der Peridie ist bei den Erdsternen zu
finden: Schichten
mit unterschiedlich starker Quellfähigkeit und
Erhöhung des osmotischen
Innendruckes sind die Ursache für das ungewöhnliche
Äußere dieser durchweg
seltenen Arten. Während jedoch die zurückgebogene
Teilhülle der Erdsterne
keine nennenswerte funktionale Bedeutung für den Pilz mehr
hat, ist genau diese
komplizierte Struktur das lebenswichtige Prinzip für einen
anderen Vertreter
der Bauchpilze: den Kugelschneller Sphaerobolus stellatus.
Indem die innerste der
vier Schichten der borstigen Hülle aufquillt, entsteht durch
osmotische
Druckerhöhung eine Spannung, die sich urplötzlich
entlädt: die aufgequollene
innere Schicht stülpt sich nach außen und schleudert
dabei die zuvor im
Inneren befindliche Gleba mit immensem Druck nach oben. Alleine
über diese
rekordverdächtigen Leistungen im Pilzreich könnte man
sich jetzt leicht
verplaudern und im nullkommanix das Heft füllen. Vertagen wir
dieses spannende
Thema also auf einen späteren Zeitpunkt, denn die
schiesswütigen Pilze mit
Waffenschein haben wahrlich einen eigenen Artikel verdient. Zusammen
mit dem
zuvor erwähnten Kugelschneller bilden die nachfolgend
angesprochenen Teuerlinge
ebenfalls eine eigene Ordnung: die Nidulariales, Nestpilze. In
verschiedenen
Gegenden haben diese kleinen Pilze ebenfalls treffende Volksnamen
erhalten, die
sich auf das Aussehen beziehen: so heißen sie in Schweden
z.B. Brotkorbpilze,
"Brödkorgsvampar", Das gemeinsame Merkmal dieser Ordnung ist
die
besondere Form der Gleba, die in Form von Peridiolen angelegt ist.
Diese sind
kugel- linsen- oder diskusförmig und jeweils von einer eigenen
Hülle
umschlossen. Diese Hülle, ebenfalls Peridie genannt, kann
unterschiedlich
gefärbt sein und ist in der Jugend durch einen Tramastrang,
genannt Funiculus, mit der Peridie des Fruchtkörpers verbunden
(wie die Nabelschnur am
Mutterbauch). Dieser Tramastrang dient als Haftfaden, nachdem die
Peridiolen von
einklatschenden Regentropfen weggeschleudert wurden. Die
Sporenbehälter haften
sich so an den nächsten Grashalm, der dann - so hofft der Pilz
- von einem Tier
gefressen und an einem anderen Ort wieder ausgeschieden wird.
Bleibt noch eine
letzte Ordnung der Bauchpilze: die Sclerodermatales, Hartboviste. Zu
ihnen
gehört u.a. der Erbsenstreuling Pisolitus arhizos.
Böhmische Trüffel wird die
hier im Saarland auf jungen Bergehalden des Kohlenbergbaues
häufig vorkommende
Mykorrhizaart der Birke und der Kiefer auch noch genannt. Als
ausgesprochene
Pionierart verträgt sie keine Konkurrenz und verschwindet,
wenn sich erst
einmal die Täublinge und Rauhfußröhrlinge
etabliert haben.
Ihre Sporen befreit
sie schlicht durch Verwesung störender Hüllen und
Autolyse der Zellwände
der Glebakammern. Das Ergebnis ist eine vom Scheitel bis fast zur Sohle
fortschreitende Auflösung des Fruchtkörpers unter
Hinterlassung einer
dunkelbraunen, vom Wind verwehten Sporenmasse, ferner des unteren Teils
der
Hülle und der leuchtend gelben Myzelstränge.
In der Küche steht noch ein Glas
sorgsam getrockneter, unreif-fester, in feine Scheibchen geschnittener
Erbsenstreulinge aus meinem allerersten Pilzjahr (1983), das wird und
wird nicht
leer. Ein neuerlicher Beweis dafür, dass das Prädikat
"essbar" doch
recht unbekümmert vergeben wird und mit "genießbar"
nicht immer
etwas zu tun haben muss. Und da wir schon mal bei der gastrosophen
Magenmykologie sind:
Der einzige Giftpilz unter den Gastromyzeten ist der zur
gleichen Familie gehörende Kartoffelbovist. Der macht aber
höchstens
Bauchschmerzen, auf medizinisch etwa Gastropathitis. Von
gewinnorientierten
Gastronomen gelegentlich als Trüffelersatz missbraucht, was
mindestens einmal
von Roger Heim nachgeprüft und angezeigt wurde.
Anschließend hat allerdings
der Wirt Bauchschmerzen gekriegt, weil die
Lebensmittelüberwachungsbehörde ihm
seine Gastronomie einfach zugemacht hat. Ein typischer Fall von
Gastrocrash
durch Gastromyces.
Die echten Trüffel sind keine Bauchpilze, sondern
Schlauchpilze, von denen kriegt man auch keine Gastritis, sondern
höchstens
Magendrücken - und auch das nur dann, wenn man sie bezahlen
muss.
Weiterführende Literatur:
Dörfelt, H. (1988): Lexikon der Mykologie
Gross, G.,
Runge, A. und Winterhoff, W. (1980:) Bauchpilze (Gasteromycetes
s.l).
Beiheft 2
zur Z. MykolMichael-Hennig-Kreisel (1986) Handbuch für
Pilzfreunde Bd 2.
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