Pilzkäfer im Blickpunkt von Reinhard Conrad

Leicht zu bestimmen ist der leider wenig bekannte Cychramus variegatus (HBST., 1792),
ein Vertreter aus der Familie der Glanzkäfer. Wegen der vier dunklen halbkreisförmig angeordneten Punkte auf dem Halsschild könnte er als Vierpunkt-Glanzkäfer bezeichnet werden. Beim Putzen von frischem Hallimasch wurden 5 Exemplare aufgefunden, die unbeabsichtigt mit eingetragen wurde..

Die beiden Arten der Gattung Cychramus können sich nicht, wie manche anderen Arten aus der Familie der Glanzkäfer, zu einer Kugel zusammenrollen. Sie sind 4-7 mm groß, behaart und gehören zu jenen 
Käferarten, die auffällige geschlechtsspezifische Merkmale besitzen. Die Männchen haben matte, chagranierte Flügeldecken, die Weibchen dagegen glänzende. Letztere sind auch kleiner als die männlichen. In Mitteleuropa kommen zwei Arten vor.

Cychramus variegatus (HBST. 1792)
Die Seiten der Flügeldecken sind mit langen Härchen bewimpert. Auf den Flügeldecken hinter den Schultern befindet sich beidseitig ein schräger dunkler Streifen. Die Vorderschienen sind dunkler als die Tarsen und das Halsschildrand. Das Halsschild besitzt 4 dunkle bogenförmig angeordnete Punktflecken. Die Weibchen besitzen zwischen den Augen 2 tiefe, glatte Stirngruben. Es sind 4,5 -7,0 mm große Tiere.

Cychramus luteus (F., 1787)
Die Seiten der Flügeldecken sind mit kurzen Härchen bewimpert. An den Schulter auf den Flügeldecken 
befinden sich keine schrägen dunklen Streifen. Vorderschienen, Tarsen und Halsschildrand haben die gleiche hellbraune Farbe. Das Halsschild hat keine dunklen Punktflecken. Die Tiere sind kleiner als die Schwesternart, Größen zwischen 3,0 - 5,6 mm sind die Regel.

Cychramus variegatus ist auf Tafel 85 als Nr. 10 sub. Cychramus quadripunctatus im Band III der
Fauna Germanica (REITTER 1911) abgebildet und Cychramus luteus auf der Seite 207 als Nr. 7 
Im Kosmos-Käferführer (HARDE; SEVERA).
Nachgewiesen ist die seltene Art aus Bayern, Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen, Thüringen und dem Rheinland. Aus Sachsen existieren Nachweise vor 1950. 
Vom eurytopen Braunen Glanzkäfer (Cychramus luteus) gibt es Belege aus allen Bundesländern
(Köhler et al.).
Aus den Hinweise, dass man Cychramus variegatus auf Blüten findet (HARDE & SEVERA) und die Art wahrscheinlich an Pilzen lebt (SPORNRAFT, K. 1967) wird deutlich, dass ihre Entwicklung noch nicht geklärt war. Trotzdem gelten beide Arten als "agaricol", also als Bewohner von Blätterpilzen. Funde der Käfer auf Blüten von Crataegus, Rubus und auf Doldengewächsen sind zeitlich getrennt von den Nachweisen der Imagines im Herbst an fruktifizierendem Hallimasch und anderen Blätterpilzen (Stockschwämmchen). Die Imagines dürften im Frühsommer schlüpfen, Pollen aufnehmen und die Monate bis zur Fruktifikation der wichtigsten Entwicklungspilze in Thanatose verbringen. Diese Möglichkeit, die zur Fortpflanzung nicht nutzbare Zeitspanne durch Reduktion der Lebensfunktionen zu überdauern, ist für den Erdstern-Käfer (Lycoperdina bovistae) durch mehrere Zuchten von Herrn V. GERTH (Pößneck) nachgewiesen worden. 
Nach BENICK (1951) ist Cychramus quadripunctatus (HERBST) in faulenden Boleten in Belgien und an Baumschwämmen in Schlesien nachgewiesen worden.

Steckbrief von KOCH (1989, S. 163):
Habitat: Vor allem in Laubwäldern
Nische: in Holzpilzen, vor allem Armillaria mellea (Hallimasch) an modernden Stuben u.
Stämmen; auch auf Blüten: Crataegus, Rubus, Umbelliferae, vereinzelt auch in anderen Pilzen.

Fünf Fundorte waren bis 1955 aus Thüringen bekannt:

Meiningen ( LOMLER in BRÜCKNER, 1851), Altenstein, in Schwämmen, sehr selten (KELLNER 1873),
Meilschwitz (RUPPERT in WEISS 1909/1910), Bettelhecken (RUPPERT in WEISS 1909/1910) in RAPP 1933) und Vesser im Thüringer Wald. Diese Tiere wurden in Anzahl unterhalb des Dorfes am Bach von Fichte 31.07.1949 geklopft, notierte LIEBMANN (1955). 

Belege nachfolgender Fundorte befinden sich in der Sammlung des Verfassers: 

Lobenstein, Wurzbach, Tal am Zipfelbach, TK 5535/3; 580 m NN, Nadelwald, 14.07.1990, leg. D.TUTTAS (Pößneck) 
Nassau, Welschneudorf, MTB 5612/2; 300m NN, Staatsforst Stelzenbach, nordwestexponierter Mischwald mit Wald-Kiefer (Pinus sylvestris). und Rot-Buche (Fagus sylvatica), in Armillaria mellea 
(VAHL: FR.) KUMM., an Stümpfen von Rot-Buchen- und Wald-Kiefern, 30.09.1993, leg. Uwe CONRAD. 
Leverkusen, Bergisch-Neukirchen, TK 4908/1, 70 m NN, in jungen Fruchtkörper von Armillaria mellea (VAHL.:FR.) KUMM. s. str. (Honiggelber Hallimasch) am Fuß von Stiel-Eiche (Quercus robur), 29.09.1993, leg. M. BONESS (Leverkusen)
Gräfenwarth, Bleilochtalsperre, TK 5436/3, 480 m NN, 30.09.2003, Imagines gesellig zwischen den Fruchtkörpern des Dunklen Hallimasch (Armillaria ostoyae) an Fichtenstümpfen (Picea abies) im lichten Mischwald, leg. R. CONRAD 

Vielleicht hat der eine oder andere Pilzfreund auch diese hübschen Pilzkäfer schon beim Pilzeputzen gesehen, doch den Tiere nicht die Beachtung geschenkt, die sie dank ihrer mycetobionten Lebensweise verdienen.
Beobachtungen zur Brutbiologie fehlen weitgehend und sind mitteilenswert.
Gera, den 07. Oktober 2003
R. CONRAD

Literatur:
BENICK, L. (1952): Pilzkäfer und Käferpilze. Helsingforsiae
HARDE, K. W. & SEVERA, F.: Der Kosmos-Käferführer. 3. überarb. Auflage. Stuttgart 
KOCH, K. (1989): Die Käfer Mitteleuropas. Ökologie II. S. 141-165, Krefeld
KÖHLER, F. & KLAUSNITZER, B. [Hrsg.] (1998): Verzeichnis der Käfer Deutschlands. Enomologische Nachrichten und Berichte. Beiheft 4, 1- 185. Dresden
LIEBMANN, W. (1955): Die Käferfunde aus Mitteleuropa einschließlich der österreichischen Alpen. Arnstadt.
REITTER, E. (1911): Fauna Germanica. Bd. III., S. 35-36. Stuttgart
RAPP, O. (1933): Die Käfer Thüringens unter besonderer Berücksichtigung der faunistisch-oekologischen Geographie. Erfurt.

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