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Streitgespräch mit Harry Andersson

Tintling: Herr Andersson, Sie werden als Pilzfachmann mit fundierten Kenntnissen in der klinischen Toxikologie hinzugezogen, wenn sich in Ihrem Umkreis ein Pilzvergiftungsfall ereignet. Was genau tun Sie da? 
Andersson: Ich versuche, das Verzehrte anhand von Fruchtkörpern, Teilen davon, aus Speiseresten oder aus Erbrochenem zu identifizieren oder wenigstens die Arten mit Amatoxinen oder andere schwer giftige Pilze auszuschließen. 
Tintling: Wie viele Todesfälle und wie viele Fälle anhaltender gesundheitlicher Beeinträchtigung waren im Rahmen Ihrer Amtsausübung in dieser Saison zu beklagen?
Andersson: Nahezu jedes Jahr gibt es in Norddeutschland 1 oder 2 tödliche Vergiftungen. Andere Vergiftungen mit länger anhaltenden Beeinträchtigungen entziehen sich meiner Kenntnis. Der Vergiftungsverlauf beinhaltet Patientendaten und diese bleiben m. E. zu Recht in den Krankenhäusern oder beim weiterbehandelnden Arzt.
Tintling: Dann leben die Norddeutschen offensichtlich entschieden gefährlicher wie wir hier im Saarland. Hier gab es n. m. Kenntnis seit Jahren keinen Todesfall. Selbst die durch die bundesweite Tagespresse überregional bekannt gewordene Knollenblätterpilzvergiftung im vorigen Jahr, wo die drei Thailänderinnen Grüne Knollenblätterpilze für ein Bankett gesammelt und vorab eine reichliche Menge davon gegessen hatten, ging glimpflich aus, für alle drei. Aber diesen Fall will ich damit keineswegs verharmlosen. Ich meine einfach, dass das alles nicht ganz so dramatisch ist, wie es sich auf Ihrer - zugegeben sehr informativen und sehr gut gestalteten - Website (www.pilzzeit.de) liest. Man könnte dort eher den Eindruck gewinnen, dass die Pilze ziemlich gefährliche Geschöpfe sind.
Andersson: Also für dramatisch halte ich meine "Pilzzeit" wirklich nicht. Aber ich möchte schon den unbedarften Sammler auf mögliche Risiken , die der Verzehr von manchen Pilzarten mit sich bringen kann, aufmerksam machen.
Tintling: Das sei Ihnen unbenommen. Ich kann Ihnen sogar uneingeschränkt beipflichten, wenn es darum geht, die Gefährlichkeit der giftigsten Pilzarten zu unterstreichen. Also die Pilzarten, die Amanitine, Phalloidine und Orellanine enthalten. Wieviele davon - und welche - würden Sie denn als wirklich gefährlich einstufen?
Andersson: Ganz so einfach lässt sich Gut und Böse in der Praxis nicht trennen. Denken Sie an die beiden Vergiftungsfälle in der DDR mit dem Zimtfarbenen Weichporling; oder - enthalten Glockenschüpplinge Amatoxine? Bei allen Vergiftungen spielen die Menge der aufgenommenen Pilze, das Alter und der Allgemeinzustand des Betroffenen eine große Rolle - auch bei Pilzarten, bei denen Vergiftungen eigentlich nicht tödlich verlaufen. 
Tintling: Aber wer isst denn Zimtfarbene Weichporlinge und warum? Dass Glockenschüpplinge (Gattung Conoybe, UG Pholiotina) allerdings schon mit psilocybinhaltigen Pilzen verwechselt wurden, geht aus der entsprechenden Literatur hervor. Vom tödlichen Ausgang einer Vergiftung habe ich aber trotz des Vorhandenseins von Amatoxinen bislang nichts gehört. 
Andersson: Dass Glockenschüpplinge Amatoxine enthalten, ist für europäische Arten auch noch nicht nachgewiesen. Was die Artbestimmung angeht, scheinen auch die amerikanischen Fälle auf wackeligen Füßen zu stehen.
Tintling: Aber über den Fliegenpilz, die Lorchel oder den Kahlen Krempling gestehen Sie mir doch etwas Verhandlungsspielraum zu? Ich halte die Frühjahrslorchel z.B. für einen der schmackhaftesten Pilze überhaupt (nach entsprechender Zubereitung, versteht sich).
Andersson: Das also ist des Pudels Kern! Sie möchten Pilzarten essen, wohl wissend, dass sie problembehaftet sind und fragen mich jetzt, ob ich sie nicht doch gesundbeten kann. Schauen wir uns doch einmal die Arten im Einzelnen an. Wer verzehrt denn den Fliegenpilz als Gericht so wie Pfifferlinge oder Steinpilze? Ich habe wohl gehört, dass einige Menschen den Fliegenpilz in für sie selbst verträglichen Portionen als Rauschmittel benutzen, ohne dass die gastrointestinalen Symptome - Übelkeit, Erbrechen, Durchfall - auftreten. Vielleicht dient es auch in gewissen Kreisen dazu, herauszustellen: Schaut her, bin ich nicht toll. Was hat das alles mit Speisepilzen zu tun?
Tintling: Moment mal. Ich rede nicht von Rauschpilzen. Ganz und gar nicht. Außerdem habe ich nur etwas ausprobiert, was ein Pilzkenner vor ein paar Jahren im öffentlich-rechtlichen Rundfunk vorgeschlagen hat. Eine Rauschwirkung konnte ich beim Verzehr des Fliegenpilzes nicht feststellen auch sonstige Symptome blieben völlig aus. Bei der Lorchel ist es durchaus vergleichbar. Dass sie das gefährliche Gyromitrin enthält, ist unbestritten. Dass dieses Gift sich beim Vorgang des Trocknens zersetzt, ebenso. Immerhin wurde die Lorchel noch vor wenigen Jahrzehnten zu Tonnen auf den Märkten verkauft.
Andersson: Die Lorchel ist zu Recht aus der Mode gekommen. Hier gibt es genug belegte Vergiftungsfälle, trotz entsprechender Kochakrobatik (eine m. E. treffende Wortschöpfung von Dr. R. Flammer, einem bekannten Arzt und Fachmann für Pilzvergiftungen aus der Schweiz) oder wie Sie es nennen "nach entsprechender Zubereitung". Was soll ich denn den Teilnehmern in einem Volkshochschulkurs sagen ? "Kümmern Sie sich nicht um die Warnungen. Frau Montag vom Tintling isst auch Lorcheln".
Tintling: Jawoll, ich esse Lorcheln - und stehe zu meiner Meinung. Vorschlag daher: Lasst diese feinen Schlauchpilze ruhig für mich stehen oder schickt sie mir gut getrocknet zu. Danke. Und zum Dauerthema Kahler Krempling: Es gilt inzwischen als unbestrittene Tatsache, dass die nunmehr tausendfach wiederholte Aussage, der Krempling sei "tödlich giftig" auf einem einzigen dokumentierten Todesfall beruht: Dem eines 72jährigen magenkranken Mannes, der im Kriegsjahr 1943 einen allergischen Schock nach der letzten von ungezählten Kremplingsmahlzeiten erlitt, und der mangels Transportmitteln, Gerät und Medikamenten nicht medizinisch versorgt werden konnte. Seither suchen namhafte Forscher verzweifelt nach weiteren Todesfällen und sie werden einfach nicht fündig.... Sollen wir nun eben auf den Erlenkrempling umsteigen? Über den ist doch noch nichts Böses bekannt, oder?
Andersson: Unbestritten ist das nun wirklich nicht, schauen Sie in die Fachliteratur. Der Kahle Krempling im weiteren Sinne nimmt jedes Jahr einen Spitzenplatz in meiner persönlichen Vergiftungsstatistik ein. Allerdings handelt es sich dabei um Magen- und Darmsymptome, weil den Betroffenen nicht die Zubereitungsartistik gelungen ist. Da Sie die alte Geschichte erwähnen: Wie wollen Sie heute beurteilen, ob es sich damals um Paxillus involutus im engeren Sinn, um Paxillus validus oder den Erlenkrempling gehandelt hat. Im übrigen verweise ich auf meinen Bericht in der ZfM 1996, Bd. 62 Heft 1 über eine Vergiftung mit Hygrophoropsis aurantiaca, dem Falschen Pfifferling, der ja der Familie den Paxillaceae zugerechnet wird. Gastrointestinale Symptome waren das nicht. 
Tintling: Immerhin bestätigen Sie damit: Todesfälle in Folge einer Allergie und der damit einher gehenden Hämolyse sind Mangelware. Es gibt praktisch keine davon, jedenfalls keine, die sauber und zweifelsfrei dokumentiert sind. Dem gegenüber stehen die Zentner an verzehrten Kremplingen, die auch heute noch verspeist - und verkauft ! - werden. Bienenstiche z.B. können auch tödlich verlaufende Allergien auslösen und tun es Jahr für Jahr vielfach. Dennoch kommt kein Mensch auf die Idee Bienen als "tödlich giftig" zu bezeichnen. Dass der Kahle Krempling roh oder ungenügend gekocht magen-/darmgiftig ist, stelle ich überhaupt nicht in Abrede. Ebenso wenig, dass es schon zu Intensivbehandlungen mit komplettem Blutaustausch gekommen ist. Ich bezweifle nur, dass das wirklich erforderlich war. Aber das ist wieder meine persönliche Meinung, nicht mehr. Ich behalte sie solange bei, bis sie mir einer widerlegen kann. Das ist bisher nicht geschehen. Aber was ist mit den anderen Arten? Arten, die minder schwere Vergiftungen verursachen? Finden Sie es nicht etwas übertrieben, jede Pilzvergiftung bis zum Beweis des Gegenteiles als Knollenblätterpilzvergiftung zu behandeln? Das strapaziert den Patienten doch genauso wie das Budget der bankrotten Krankenkassen. Und als Arzt kann man auch eine Intensiv-Behandlung einleiten, nur um sich vor etwaigen Schadenersatzforderungen zu schützen.
Andersson: Das waren mehrere Fragen bzw. Behauptungen in einen Absatz verpackt. Ich drösele das mal auf. Die finanzielle Seite spielt bei Pilzvergiftungen kaum eine Rolle. Die Krankenkassen werden auch durch zusätzliche Maßnahmen eben nicht stärker belastet, da die Abrechnung nach Fallkostenpauschale erfolgt. Es ist für das Krankenhaus aber insgesamt z. B. wesentlich preiswerter, einen Fachkundigen hinzuzuziehen, auch wenn der so wie ich, seine Leistungen nach dem Gesetz zur Entschädigung von Zeugen und Sachverständigen abrechnet, als einen Amanitin-ELISA durchzuführen. (siehe dazu den Dialog mit Dr. H. Desel in Heft 2/2002:49). Ob eine Pilzvergiftung schwerer Natur (Phalloides-Syndrom) oder leichter Natur (Gastrointestinales Syndrom) ist, wird doch erst dann deutlich, wenn jemand mit Fachkenntnis die Pilzarten bestimmt hat. Bei einer Pilzvergiftung mit vorläufig unbekannten Pilzen macht der Arzt einen Spagat und muss sich zwischen der Verhinderung einer möglichen Organschädigung eventuell mit Todesfolge und einer vielleicht unnötigen Behandlung und auch Belastung des Patienten entscheiden. Daher finde ich das Vorgehen durchaus richtig. Wären Sie Arzt, möchten Sie auch nicht die Frage gestellt bekommen "Warum haben Sie nicht... oder.. "Sie hätten doch"...
Tintling: Ja ja, die berühmte Haftungsfrage. Ich sehe durchaus ein, dass der Arzt diesen Spagat machen muß, sobald ein Patient mit einer Pilzvergiftung in die Klinik kommt. (siehe dazu den Leserbrief von Dr. Klaus Döring in Tintling 4/99:4). Ich denke nur, dass viel weniger Patienten in die Klinik kommen würden, wenn die Pilze - bzw. die von ihnen ausgehenden Gefahren - nicht so übertrieben gefährlich dargestellt würden. Dann würde so mancher Patient einfach zur Kenntnis nehmen, dass etwas Unverträgliches oder Giftiges den Körper wieder verlassen will und ihm das zubilligen. Ist der Patient aber erst einmal in der Klinik, wird u.U. eine Intensivmaschinerie angeworfen, die eine Klinik sogar an den Rand ihrer Auslastung bringen kann. Um noch einmal auf den Fall der drei Thailänderinnen einzugehen: Von den dreien mußte seinerzeit eine in ein anderes Krankenhaus verlegt werden, weil die Klinik in Völklingen - immerhin ein mittelgroßes Kreiskrankenhaus - mit drei Amanitinvergiftungen technisch überfordert war. Das sage ich nur, um eine Vorstellung zu vermitteln, welcher Aufwand betrieben wird, um eine Knollenblätterpilzvergiftung zu behandeln. Wenn die Behandlung erforderlich ist, ist das natürlich in Ordnung, aber wenn nicht, darf man sich doch Gedanken machen, ob und wie man sich eine Einweisung ersparen kann.
Andersson: Und natürlich gibt es bei den Pilzen nicht nur das Phalloides-Syndrom und die Magen-Darm-Vergiftung sondern auch noch andere Vergiftungsarten. Aus der Praxis: Selbst bei den Pilzarten, die nur magen-/darmgiftig sind, bedürfen die Betroffenen oft genug ärztlicher Hilfe. Häufiges Übergeben und starker Durchfall erfordert die schnelle Wiederherstellung und Erhaltung des Flüssigkeit- und Elektrolythaushaltes. Unterbleibt das, drohen ernsthafte Schädigungen. 
Tintling: Bleiben wir mal bei der Magen-Darm-Vergiftung nach dem Genuß eines Pilzgerichtes: Obwohl sich der Körper bereits nach wenigen Minuten der unverträglichen Speisen entledigt hat, fährt man voller Panik in die Klinik, um sich einen (leeren!) Magen auspumpen zu lassen. (Siehe dazu den Bericht von Christine Golze in Tintling 4/99:2). Tut man das, wenn man verdorbene Nüsse gegessen und entsprechend reagiert hat? Natürlich nicht. Und das, obwohl mit den möglicherweise darin enthaltenen Aflatoxinen wahrlich nicht zu spaßen ist. Es ist eben eine Frage der Information, die einem ständig eingehämmert wird, und da schneiden die Pilze ungerechtfertigt schlecht ab.
Andersson: Die Angst der Betroffenen ist doch wohl verständlich. Ihnen wird klar, dass sie die Pilze doch nicht kannten und sich, vielleicht sogar ihre Kinder, Ehepartner oder Bekannte gefährdet haben. Den Gegensatz dazu bildet das Phänomen, dass die Betroffenen dann im Krankenhaus - sozusagen wieder in Sicherheit - bei der Befragung durch den Arzt oder durch mich den Fall herunterspielen: Nur wenig gegessen, eigentlich kenne ich die Pilze gut, Knollenblätterpilze kenne ich genau. Selbst um Minuten bei der Latenzzeit wird gefeilscht. Verdorbene Nüsse schmecken entsprechend - die spuckt man doch sofort wieder aus. Viele Giftpilze - und gerade die sehr giftigen Arten - haben aber keinen abschreckenden Geschmack oder Geruch. Zu ihrer Behauptung "Magen auspumpen": Magenspülungen sind out. Hier hat in der Behandlung von Pilzvergiftungen längst ein Paradigmenwechsel stattgefunden. In meiner langjährigen Praxis wurde diese Behandlung lediglich bei der Therapie von nachgewiesenen Knollenblätterpilzvergiftungen angewendet - jedenfalls nicht bei den "leichten" Vergiftungen. 
Tintling: Da habe ich aber gegenteilige Informationen. Zumindest das, was immer wieder im Tintling von den Lesern selbst berichtet wurde, spricht eine andere Sprache....
Andersson: Nach meinen Erfahrungen schneiden die Pilze auch nicht ungerechtfertigt schlecht ab. Es fehlt häufig eher an ausreichender, sachlicher Information bei den Sammlern. Nur zwei Beispiele mangelnder Information: Stockschwämmchen glauben viele zu kennen; Galerina marginata, der anscheinend in Ausbreitung ist, kennen nur wenige. "Champignons? - sind die nicht alle essbar".
Tintling: Zur Verwechsungsmöglichkeit von Galerina marginata mit Stockschwämmchen gebe ich Ihnen uneingeschränkt Recht. Man kann nicht oft genug betonen, dass es fast an ein Wunder grenzt, dass noch nichts Ernsthaftes passiert ist. Galerina marginata besiedelt neuerdings Standorte, die zuvor dem Stockschwämmchen vorbehalten waren und kommt sogar mit diesem gemeinsam am gleichen Substrat vor. Und die riesigen Rindenmulchflächen sind ein weiteres gefundenes Fressen für den Gifthäubling. Man muss es mal in aller Deutlichkeit sagen: Keiner, der nicht das Stockschwämmchen in all seinen Erscheinungsformen kennt und bereit ist, sich jeden Fruchtkörper genau anzusehen, sollte Stockschwämmchen zum Essen sammeln. Die Gefahr der Verwechslung, vor allem im Sammeleifer, ist sehr groß. Von zahlreichen Pilzberatungsstellen werden Stockschwämmchen ohne Stiel mit Recht gar nicht mehr inspiziert. Hier gilt das, was ich immer wieder sage: Lernt die giftigsten Pilzarten wirklich sicher kennen und dann kann schon nicht mehr allzuviel passieren, jedenfalls nichts, was Ihre Organe dauerhaft schädigt. Andererseits: Die Anzahl der Giftpilze hat sich in den vergangenen 50 Jahren inflationär erhöht, ja sogar vervielfacht. Manchmal habe ich den Eindruck, als würde man gern möglichst viele Pilze als Giftpilze betrachten wollen. Bitte befreien Sie mich von diesem schrecklichen Verdacht.
Andersson: Nein, leider kann ich das nicht. Ich bin sicher, dass die Anzahl der als giftig oder zumindest problematisch erkannten Pilzarten ansteigen wird. Untersuchungen an bisher nicht beachteten Arten, Verfeinerungen der Untersuchungsmethoden und Kollege Zufall bringen das mit sich. Siehe z. B. Grünling oder Clitocybe amoenolens, der Parfümierte Trichterling. Was ist schlecht daran, wir sollten uns in diesen Fällen doch über mehr Information freuen?
Tintling: Der Parfümierte Trichterling kommt bei uns (noch) nicht vor und Angst vor einer durch ihn ausgelösten Vergiftung ist daher bislang nicht angezeigt. Information ist gut und richtig und da hat ja auch keiner was dagegen (Tintling 1/2002:44). Im Fall der Rhabdomolyse durch den Grünling mehren sich die Zweifel, ob es sich nicht vielleicht doch um einen der gelbgrünen Cortinarien gehandelt haben könnte (gleiches Heft:46). Aber schließlich hat man ja zur "Absicherung der Untersuchungsergebnisse" diese schrecklichen Tierversuche gemacht: Man konnte angeblich mit einem hochdosierten Extrakt von Grünlingen bei Mäusen eine Rhabdomolyse erzeugen. Bei Ratten konnte man übrigens auch mit einer vergleichsweise gigantischen Menge Süßstoff (dem 800fachen dessen, was man übers Jahr zu sich nimmt) Krebs erzeugen.... Das führt die Gedanken dann rasch zu industriell hergestellten Lebensmitteln. Die sind nämlich auch nicht so ganz ohne. Ein Skandal jagt den anderen und manchem "Lebensmittel" stünde die Bezeichnung "Sondermüll" gut an.
Andersson: Einen Vergleich mit industriell produzierten Lebensmitteln kann man so nicht ziehen. Diese Lebensmittel sind teilweise leider "unser täglich Brot"; viele Menschen versuchen aber auch hier, auf qualitativ hochwertige Produkte umzusteigen. Auf das Sammeln und Verspeisen von Pilzen dagegen ist bei uns niemand angewiesen. Pilze sind teilweise eine Delikatesse, vielleicht mit einer Gemüsebeilage zu vergleichen. Und so sollte man sich auch bei den Pilzen eben nur das Beste auf den Teller legen und nicht nur irgendetwas Essbares oder gar Problematisches nur weil selbst gesammelt und umsonst. 
Tintling: Nicht wenige "Pilzvergiftungen" fußen auf Zweifeln an der Genießbarkeit der gerade gegessenen Pilze, sind also rein psychosomatischer Natur. Meinen Sie nicht, dass viele unangenehme Behandlungen vermieden werden könnten, wenn die Pilze - vor allem vor dem Hintergrund der tatsächlichen Todesfälle betrachtet - etwas realistischer eingeschätzt würden?
Andersson: Dass die Behandlung heutzutage eben nicht mehr so unangenehm und körperlich belastend ist, habe ich bereits erläutert. Als psychosomatisch schätze ich nach meinen Erfahrungen höchstens einen Fall von Hundert ein. Ich habe immer giftige oder problematische Pilze gefunden, seien es überalterte Fruchtkörper oder nicht ausreichend gegarte. 
Tintling: Nehmen wir als weiteres Beispiel eine Mutter, deren Kind beim Spielen in der Wiese an einem Pilz knabbert. Sofort wird auch hier der Ruf nach dem Notarzt laut, während dies kaum der Fall ist, wenn das Kind an einem Blümchen geknabbert hat. Dabei bringt die Botanik doch genauso viele Giftpflanzen hervor wie die Mykoflora. Es ist unbestritten, dass es in der Wiese giftige Rißpilze, Trichterlinge und Schirmlinge gibt. Es ist nur eben so, dass Theorie und Praxis sperrangelweit auseinander klaffen. Wirklich passiert ist nämlich bisher noch nichts. Oder kennen Sie konkrete Fälle? Ich will das ja nicht verharmlosen, sondern nur übertriebene Angst abbauen helfen. Der Stress einer Magenspülung ist für das Kind und für die Familie ja nicht unbedingt geringer als die Wirkung von einem halben Rißpilz. Andersson: Auch ein alter Zopf! Auch oder gerade Kindern wird nicht gleich der Magen ausgepumpt, wenn sie einen Pilz gegessen haben. Ich hatte in diesem Jahr etwa 20 Vorfälle mit Kindern; alle sind gut ausgegangen - ohne Magenspülung. Es sollte sich aber immer jemand finden, der die Pilze identifiziert. Ich halte es als erfahrener Pilzsachverständiger auch für meine Aufgabe, einen Fall nicht unnötig hochzuspielen, die Eltern zu beruhigen und dem behandelnden Arzt in Verbindung mit dem zuständigen Giftinformationszentrum - für mich Göttingen, gelegentlich auch Berlin - ein möglichst realistisches Bild zu zeichnen. Das Knabbern an Blümchen ist für die Mutter schneller zu lösen. Mit dem Blümchen kann sie zur Bestimmung z. B. in eine Garten-/Samenhandlung oder in jede Apotheke gehen. Die haben die Giftpflanzen noch in ihrer Ausbildung. Aber Vergiftungen mit tödlichem Ausgang gab es auch bei den Pflanzen. 
Tintling: Also dazu kann ich nur auf den Tintling 4/2001:40 verweisen und Ihnen wünschen, dass Sie nicht als junger Vater eines Kleinkindes betroffen sind. Selbstverständlich wird auch heute noch in vielen Fällen der Magen ausgepumpt, wenn das Kind erst mal im Krankenhaus ist. Hier kommen nämlich wieder Ihre Ausführungen weiter oben zum Tragen: "Warum haben Sie nicht "Sie hätten doch", also die Haftungsfrage für die Ärzte. Und daher wieder: Die Pilze haben hier zu Lande ein Negativ-Image, das man im Pflanzen- und Tierreich kein zweites Mal findet. Schon beim geringsten Unwohlsein sind die Leute in heller Aufregung und rufen nach dem Notarzt. Ich trete hingegen ganz entschieden dafür ein, dass schwere Pilzvergiftungen, also solche, die die Organe dauerhaft schädigen können oder gar zum Tod führen, mehr als bisher vermeidbar sein sollten. Das will ich dadurch erreichen, dass ich den Leuten, die Wildpilze zum Essen sammeln möchten, eindringlich erkläre, dass man die giftigsten Pilze, auch die seltenen, in allen Formen und in allen möglichen Biotopen auf Anhieb erkennen sollte. Erst wenn der Letzte realisiert hat, dass man alte, schrumpelige, verblasste Grüne Knollenblätterpilze durchaus mit Parasolen verwechseln kann, ist dieses Ziel erreicht. Von Fliegenpilzen (um nur das populärste Beispiel herauszugreifen) geht dies bezüglich keine Gefahr aus. Zumindest droht der körperlichen Unversehrtheit in der Regel keine dauerhafte Beeinträchtigung und mehr will ich auch nicht sagen.
Andersson: Ich bleibe dabei: 
1. Hände weg von problematischen Pilzarten, deren Speisewert in irgendeiner Form in Frage gestellt ist. Es gibt genug andere Arten, die uneingeschränkt essbar sind.
2. Wer Pilze mit zweifelhaftem Speisewert essen will ... ich kann keinen daran hindern. Aber solches Tun bitte nicht öffentlich propagieren.
3. Einer intensiven Aufklärung insbesondere über die tödlich giftigen Arten stimme ich selbstverständlich uneingeschränkt zu. Allerdings haben wir in Deutschland ein Aufklärungs- und Beratungssystem, welches nahezu flächendeckend hervorragende Beratung bot, erst vor wenigen Jahren abgeschafft.
4. Wer Symptome nach einer Pilzmahlzeit hat, ist einem Irrtum erlegen oder hat etwas falsch gemacht. Er sollte sich umgehend in ein Krankenhaus begeben, zumindest sich Rat bei seinem Giftinformationszentrum holen. Dann wird über die Größe des Fehlers entschieden.
5. Ich wünsche mir zum Thema viele Zuschriften (mit der Erlaubnis zur Veröffentlichung) an: Harry Andersson, Eichhahnweg 29 a, 38108 Braunschweig, E-mail: kontakt@pilzzeit.de 

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