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Den
Erdsternkäfer im Visier (I)
Von Reinhard Conrad, Gera
Kürzlich erhielt der
Verfasser eine Käfer-Sendung aus
Braunschweig, die zwei weibliche Exemplare von einer Käferart
enthielt, deren Larven sich ausschließlich in Pilzen
vermehren. Der Fund ist bemerkenswert und auch für Pilzfreunde
bzw. Mykologen von allgemeinem Interesse.
Insekten, die zu ihrer larvalen Entwicklung Pilze benötigen,
werden als mycetobionte Arten bezeichnet. Zu solchen spezialisierten
Überlebenskünstlern gehören auch jene
Käferarten, die Pilze als ökologische Nische zur
Arterhaltung für sich nutzen. Dieser Prozess der
Spezialisierung und Anpassung des larvalen Entwicklungsverlaufs,
speziell der von Herrn Andersson in Braunschweig gefundenen Art, an den
Lebensrhythmus von bestimmten Pilzen vollzog sich in einer nicht genau
anzugebenden Zeitspanne, deren Beginn sehr viel früher
angenommen werden kann als die assyrischen und babylonischen
Hochkulturen, von deren zwischenmenschlichen Beziehungen ein
bedeutender Kodex erzählt.
BENICK (1951), der Altmeister der Pilzkäferforschung,
bezeichnete solche Käfer auch als obligatorische Pilzbesucher
und klassifiziert sie als "primäre Pilzbesucher". In die
Kategorie der von Pilzen abhängigen Käfer
gehören nach seiner Ansicht "Oxyporus-, Gyrophaena-,
Diaperis-, Eledona-Arten und die Cisidae,..." (S. 18). Die Arten der
Gattung Lycoperdina fehlen aber, weil vor fünfzig Jahren ihr
Lebenszyklus nur ansatzweise durch Indizien belegt war.
Nun, von den 16 paläarktisch verbreiteten Lycoperdina-Arten
sind nur 3 pilzbesuchend, nämlich die aus Nordafrika bekannte
Art Lycoperdina penicillata und die beiden bei uns heimischen
Lycoperdina bovistae und Lycoperdina succincta. Die letzteren beiden
entziehen sich so geschickt der Aufmerksamkeit, daß kaum
jemand diese Arten zu sehen bekam. Auch unter Mykologen sind die Tiere
nur wenig bekannt, werden eher sogar
als Ärgernis betrachtet. Wer freut sich schon, wenn in der
liebevoll gepflegten Pilzsammlung von einem prachtvollen, seltenen
Exemplar des Halskrausen-Erdsterns (Foto 1) oder gar des
Zwerg-Erdsterns (Foto 2) die Endoperidie völlig
zerstört vorgefunden wird und das auch noch genau dann, wenn
man ein so wertvolles Exsikkat einem geschätzten Kenner zeigen
möchte. Andererseits haben die Käferspezialisten, die
Koleopterologen, genügend Arbeit mit den Käfern, und
fischten nur manchmal, und dann nicht in Anzahl Exemplare von
Lycoperdina bovistae aus dem Gesiebten des Waldbodens. Ein solcher
Beifang ist dann schon etwas Besonderes und wird deshalb schriftlich
vermerkt. Jedenfalls waren Erdsterne 1952 noch nicht als Brutpilze
für Käfer bekannt, und BENICK konnte also Lycoperdina
bovistae folglich nicht als mycetobionten Käfer einstufen,
denn schließlich waren diese Tiere hauptsächlich aus
gesiebtem
Waldboden oder aus Flaschen- und Birnen-Stäublingen in die
Hände der Käferspezialisten gelangt. Es verwundert
auch nicht, daß Hermann Vogt (1967) für die
mitteleuropäischen Arten aus der Familie der Endomychiden, zu
denen auch Lycoperdina bovistae gehört, notiert, daß
sie von primitiven Pilzen (Staub- und Schimmelpilzen) leben.
Speziell zu den beiden mitteleuropäischen Vertretern der
Gattung Lycoperdina hält er fest, daß sie in
Bovisten leben und zwar "im Herbst im Staub derselben, worin sie auch
überwintern". Was wir daraus entnehmen können, ist
kurz gesagt, die Erkenntnis, daß zu ihrer Fortpflanzung nach
wie vor nichts bekannt war. In der 3. erweiterten Auflage des
Kosmos-Käferführers werden aus der Familie
Endomychidae (Stäublingskäfer) nur 3 andere Arten
vorgestellt, was man als ein Indiz für die Seltenheit der
Lycoperdina-Arten werten kann. Erfreulicherweise existiert ein sehr
schönes Aquarell (Nr. 2 der Tafel 27) in dem durch Jarmila
Hoberlandtova und Ivan Zpevak hervorragend illustrierten Werk "Die
Käfer Mittel- und Nordwesteuropas". Auch in ihm
erfährt der interessierte Leser nur, daß die Tiere
in "Pilzen und auf schimmelndem Holz im Bergvorland und unteren
Gebirgslagen" vorkommen, und Autor Zahradnik schreibt zur Lebensweise:
"die Käfer überwintern in Pilzen und altem Laub". Die
Feststellungen basieren sicher auf Erhebungen im Nachbarland, und es
ist interessant, daß auch dort Mykologen und Entomologen mit
den Grenzgängern so ihre Schwierigkeiten haben. Im
Ökologieband "Die Käfer Mitteleuropas II" hat Klaus
Koch in unendlich mühevoller Kleinarbeit ein kaum zu
überblickendes Datenmaterial zusammengetragen, das
über die Lebensweise von Käfern bekannt geworden ist,
kritisch gewichtet und zu einem ökologischen Steckbrief
verdichtet. Ein solcher liegt also auch für Lycoperdina
bovistae (F., 1792) vor. Nach Kochs Recherchen ist L. bovistae eine
Art, die besonders montan, aber nicht alpin verbreitet ist und im
Nordwestareal Europas fehlt. Die Tiere gelten als eurytop und silvicol,
besonders lycoperdicol und mycetophag. Aus dieser steckbriefartigen
Aufzählung kann der Leser entnehmen, daß Lycoperdina
bovistae in vielen verschiedenartigen Biotopen lebt, allerdings
schränkt "silvicol" auf Waldbiotope ein. Der Begriff
"lycoperdicol" signalisiert, daß die Käfer "in bzw.
von Stäublingen" leben. So ergibt sich, daß jene
zwei Exemplare, die Herr Andersson nach Gera sandte, laut Literatur
Bewohner von Stäublingen sind und sich von diesen
ernähren.
Was hatten dann aber die Tiere im Halskrausen-Erdstern zu suchen, in
dem sie aufgefunden wurden?
In der Roten Liste (Geiser 1998) findet man die im Braunschweigischen
aufgefundenen Tiere unter der bemerkenswerten Bezeichnung
"Glattschieniger Langhorn-Puffpilzkäfer" als deutschlandweit
gefährdete Käfer (Seite 206). Zur beeindruckenden
Lebensweise der hochspezialisierten Art Lycoperdina bovistae in
Wäldern von Europa bis Kleinasien folgt eine weitere
Mitteilung. Gera, den 3.3.2003
Auswahlliteratur:
Benick, L. (1952): Pilzkäfer und Käferpilze.
Ökologische und statistische Untersuchungen. Helsingforsiae
Conrad, R. (1984): Bemerkungen zur Entwicklung und Verbreitung der
Pilzkäfer Lycoperdina bovistae in Erdsternen und
Stäublingen, Veröff. Mus. Stadt Gera, Naturwiss.
R.10, 51-61
Geiser, R. (1998): Rote Liste der Käfer (Coleoptera), S.
168-230. IN: Binot, M. et al.: Rote Liste gefährdeter Tiere
Deutschlands. Bundesamt für Naturschutz Bonn-Bad Godesberg
Harde, K. W. & Severa, F. (1989): Der
Kosmos-Käferführer. Die mitteleuropäischen
Käfer
Reitter, E. (1911): Fauna Germanica. Die Käfer des deutschen
Reiches. III. Stuttgart
Runge, F. (1986): Die Pflanzengesellschaften Mitteleuropas.
Münster
Vogt, H. (1967): 61. Familie. Endomychidae. In: Freude, H. Harde, K.
W., Lohse, G- A.:
Die Käfer Mitteleuropas. Band 7 Clavicornia. Krefeld
Abbildungen:
Foto 1: Halskrausen-Erdstern - Geastrum triplex Junghuhn 1840
Thüringen, Saalfeld, im Laubmischwald über Zechstein
unter Haselnußsträuchern (Corylus avellana)
Anmerkung: Die flach ausbreitete Exoperidie des fotografierten
Exemplares war 16 cm lang. Im Pilz tummelten sich
17 Exemplare von Lycoperdina bovistae. Sie wurden nicht entnommen.
Foto Uwe Conrad 16. August 2002
Foto 2: Zwerg-Erdstern - Geastrum minimum v. Schw. 1822
Thüringen, Saalfeld, unter licht stehenden Kiefern (Pinus
sylvestris) über devonischen Kalkknotenschiefer am oberen
westexponierten Steilhang des NSG Bohlen in einer kleinflächig
vorhandenen Ausbildung eines
Geißklee-(Steppenheiden)-Kiefernwaldes (Cytiso
nigricantes-Pinetum sylvestris). Im Zwerg-Erdstern entwickeln sich auch
die Larven von Lycoperdina bovistae. Foto Uwe Conrad 14. Juli
1999
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