|
Blühende
Erlen im Sommer? Betrachtungen zu Taphrina
alni. Von Christoph Hahn, München Den Eindruck, daß Erlen auch im Sommer ‘blühen’ können , kann man durchaus gewinnen, wenn man als Spaziergänger einen flüchtigen Blick auf manch einen Erlenbestand wirft. Natürlich blühen Erlen im zeitigen Frühjahr, auch sind die Blüten winzig klein und unscheinbar, doch ist es auffällig, daß im Sommer immer wieder Bäume zu sehen sind, aus deren kleinen Zäpfchen lange rote ‘Zungen’ hängen. Diese können so zahlreich sein, daß der Baum dekorativ rot zu ‘blühen’ scheint. Dieses Phänomen ist jedoch einfach zu erklären. Die Fruchtknoten der Erlenblüten können von einem Pilz befallen werden, der ‘Erlen-Narrentasche’, Taphrina alni. Dieser Pilz bildet den Fruchtknoten nach der Blütezeit zu einer großen Pilzgalle um, damit er an deren Oberfläche sein Hymenium bilden kann, anstelle einen eigenen Fruchtkörper auszubilden. Im Volksmund nennt man solche Gebilde Narrentaschen. Schneidet man die ‘roten Zungen’ durch, so wird man feststellen, daß sie tatsächlich hohl sind und eine Tasche bilden. Am bekanntesten sind diese wohl an der Pflaume (Taphrina pruni). Hier sind die Narrentaschen besonders groß und auffällig. Es gibt aber eine ganze Reihe verschiedener Arten innerhalb der Gattung Taphrina, die auch anderweitige Wucherungen an ihren Wirtspflanzen auslösen können, wie beispielsweise Hexenbesen oder Blattkräuselungen. Obwohl es sich um eine vermeintlich sehr spezielle Pilzgruppe handelt, können doch einige Arten sowohl einfach entdeckt wie auch bestimmt werden. Floristisch ist die Gattung Taphrina in Deutschland noch nicht eingehend bearbeitet worden. So ist im Verbreitungsatlas der Großpilze Westdeutschlands (Krieglsteiner 1993) Taphrina zwar enthalten, jedoch wurden auf Verbreitungskarten verzichtet: „Die in Westdeutschland festgestellten Taphrina-Arten habe ich zwar in die Checkliste mit aufgenommen, verzichte aber auf die Präsentation von Verbreitungskarten, weil bisher allenfalls lokal bis regional kartiert worden ist. Ich rufe hier zur flächendeckenden Nachkartierung der Taphrinales auf.“ (Krieglsteiner 1993: 10). In der Hoffnung, Interesse an
dieser bislang wenig beachteten Pilzgruppe zu wecken, möchte
ich die Erlen-Narrentasche etwas näher vorstellen: Taphrina alni De Bary [= Taphrina amentorum (Sadeb.) Rostrup]: Die Fruchtknoten werden während der Blütezeit (Frühjahr) befallen und wachsen bis zum Sommer in Form von zungenförmigen Wucherungen, die aus den weiblichen Erlen-Zäpfchen hängen, aus. Diese können bis ca. 3 cm lang werden. Die Wucherungen sind bis 0,5 - 1 cm dick, sind innen hohl; die Wände werden ca. 1 - 2 mm dick. Die Farbe der Wucherungen ist zunächst gelbgrünlich, um sich später in ein leuchtendes blutrot zu verwandeln. Diese Färbung wird später schmutziger und unscheinbarer. Im völligen Reifestadium sind die Wucherungen von einem grauen Reif überzogen, der von den fertilen Asci an der Oberfläche hervorgerufen wird. Bereits im leuchtend roten Stadium sind jedoch gewöhnlich bereits reife Asci zu finden, jedoch noch nicht flächendeckend. Die Asci entwickeln sich in den Epidermiszellen, lösen die obere Zellwand und die Cuticula auf und ragen schließlich weit aus der Zelle heraus. Die Asci wurden bei meinen Kollektionen bis zu 55 x 20 µm groß (nach Mix 1949: 26 - 53 x 10 - 23 µm). Um die sich im Inneren der Asci entwickelnden Sporen freizusetzen, reißt dieser ohne einen speziellen Öffnungsmechanismus auf und kollabiert (prototunikate Asci). Die Sporen sind elliptisch bis etwas gestreckt, 6 - 8 x 3,5 - 6 µm (nach Mix 1949: 4,5 - 6 x 4 - 5 µm) und sprossen hefeartig aus. Die so gebildeten Zellen sind deutlich kleiner (um 3 x 1,5 µm). Wirtsbäume (nach Mix 1949): Alnus glutinosa (Schwarzerle) und Alnus incana (Grauerle), sowie Alnus hirsuta, Alnus hybrida und Alnus rubra. Verbreitung (nach Mix 1949): Europa, Japan, Alaska. Abbildungen: Breitenbach & Kränzlin (1984: 129 oben) als T. amentorum. Es existiert eine
ähnliche Art in Nordamerika, Taphrina
robinsoniana, die ebenfalls die Fruchtknoten von Erlen
befällt, jedoch kleinere Wucherungen hervorruft. Funddaten: Österreich: Tirol, Rißbachtal, Hinterriß / Eng, Weg vom Großen Ahornboden zur Plumsjochhütte, ca. 1500 m, an Alnus incana, 10. Aug. 1998, Hahn 182/98; Ein weiteres Beispiel einer häufigen Narrentasche wäre Taphrina padi (Jacz.) Mix, die Traubenkirschen-Narrentasche. Im Stadtgebiet von München war sie im Jahr 1997 überaus häufig und befiel manche Bäume vollkommen, so daß an diesen keine einzige reife Kirsche gebildet wurde. Eine typische Abbildung findet man in Ryman & Holmasen (1992: 680). Funddaten: Eine
Bestimmungsübersicht für einige Taphrina-Arten
bietet das Buch „Pilze“ von Ryman &
Holmasen (1992), mit dem viele Arten einfach erkannt werden
können. Bei auffälligen Arten, die Narrentaschen
bilden, ist für die Bestimmung ein Mikroskop meist nicht
vonnöten. Nur für unauffälligere
Deformationen, wie Befall von Blättern oder bei Hexenbesen,
ist zu überprüfen, ob eine Fruchtschicht aus Asci
vorhanden ist, da auch andere Organismen derartige Krankheitsbilder
auslösen können. Anlaß zu Verwechselungen mit Taphrina könnten allerdings Arten der Gattung Exobasidium geben. Diese bilden ebenfalls Wucherungen an Pflanzen und formen anstelle von Fruchtkörpern ein Hymenium an der Oberfläche der erzeugten Gallen. Es handelt sich hierbei um ein schönes Beispiel von Konvergenz aufgrund ähnlicher Lebensstrategien, denn Exobasidium ist mit Taphrina (welche früher auch Exoascus hieß) nicht näher verwandt. Während erstere Gattung, wie der Name bereits zum Ausdruck gibt, zu den Basidiomyceten gehört, ist Taphrina ein Vertreter der Ascomyzeten. Somit sind beide Gattungen durch einen Blick ins Mikroskop eindeutig und einfach voneinander zu trennen. Es fällt jedoch meist nicht schwer, die „Nacktbasidien“, wie man den wissenschaftlichen Namen Exobasidium übersetzen könnte, direkt im Feld anzusprechen, da vor allem Vertreter der Ericaceae (Heidestrauchgewächse) befallen werden. Für die Gattung Exobasidium existieren zwar im Gegensatz zu Taphrina Verbreitungskarten für Deutschland (Krieglsteiner 1991), jedoch gilt das selbe wie für die Narrentaschen: Sie ist stark unterkartiert! Als Bestimmungsliteratur
für Exobasidium ist
für den Einstieg ebenfalls das Buch
„Pilze“ (Ryman & Holmasen 1992) sehr gut
geeignet. Auch in „Pilze der Schweiz Bd. 2“
(Breitenbach & Kränzlin 1986) sind einige Arten
ausführlich beschrieben und abgebildet worden. Für
eine tieferes Studium ist jedoch der Bestimmungsschlüssel von
Jülich (1984) anzuraten. Bedanken möchte ich
mich bei Herrn Dr. P. Döbbeler (München) für
die freundliche Ausleihe von Literatur sowie für viele
interessante Gespräche über die Gattung Taphrina. Literatur: |