Ein schöner Thailänder: Flavodon flavus (Kl.) Ryv.

Zur Bestimmung eines exotischen Porlings. Von Günter Sturm, Rödermark

Wer sich für Porlinge und Rindenpilze interessiert, kennt sicherlich den Namen Leif Ryvarden. Der norwegische Mykologe zählt zu den führenden Fachleuten auf dem anstehenden Gebiet. Bekannt geworden sind vor allem seine zusammen mit dem amerikanischen Mykologen R. L. Gilbertson verfaßten und im Jahre 1994 erschienen "European Polypores". Weniger bekannt ist vielleicht, dass bereits 1980 L. Ryvarden zusammen mit dem schwedischen Mykologen Inger Johansen eine vorläufige Porlingsflora Ost-Afrikas (A Preliminary Polypore Flora of East Africa ) verfasst hat, die ebenfalls bei dem Osloer Spezial-Verlag Fungi Flora preiswert bezogen werden kann. 
Als mir Dieter Gewald seinerzeit den farbenfrohen thailändischen Porling (?) mit dem von hydno- über radulo- und irpicoid bis rundporig variierenden Hymenophor zeigte, erinnerte ich mich, dass das Werk noch ziemlich jungfräulich in meinem Regal stand, und ich ja mal einen Bestimmungsversuch wagen könnte. Zwar liegt Thailand bekanntlich nicht in Ost-Afrika, mir war aber bekannt, dass viele tropische Arten rund um den Äquator verbreitet sind.
Ein Blick durch das Mikroskop zeigte: Sporen vorhanden! Das ist bei den Porlingen durchaus nicht immer der Fall, wenn man welche findet, aber bereits die halbe Miete. Die Sporen waren breit-elliptisch mit einer zum Ansatzpunkt etwas zugespitzten Seite. Ein weiterer Blick zeigte: Die Hyphen waren einfach-septiert, also ohne Schnallen. Meine Hoffnung, den Pilz bestimmen zu können, wurde weiter genährt, denn bei den Porlingen und Rindenpilzen weisen die meisten Arten schnallenförmige Septen auf, so dass die Zahl der in Frage kommenden Arten stark reduziert wurde. Jetzt stand nur noch die Frage nach dem Hyphensystem offen. Trimitisch schied aus, denn Bindehyphen waren nicht vorhanden und es hätte mich auch sehr gewundert, wenn welche vorhanden gewesen wären, da das Quetschpräparat des Pilzes leicht gelang. Aber hatte der Pilz nun Skeletthyphen oder keine? Es gab zwar dünnwandige und dickwandige Hyphen, jedoch färbte sich der Inhalt beider Typen gleich gut in Phloxin B an. Normalerweise lassen sich Skeletthyphen mit Phloxin nicht anfärben, aber es gibt auch Ausnahmen. Ich konnte mich nicht entscheiden. In dieser Situation beschloss ich, mich durch den dichothomen Schlüssel zu hangeln und die in Frage kommenden Seitenzweige bis zu ihrem jeweiligen Endpunkt zu verfolgen. 
Dass die Familien Ganodermataceae und Hymenochaetaceae nicht zur Diskussion standen, war aufgrund der Sporenform und der KOH-Reaktion klar. Wenn überhaupt ein "Porling", dann musste es eine Art der Polyporaceae sein. 
Die erste Schlüsselfrage dort lautete dann "Sporen amyloid/dextrinoid". Ich hasse diese Frage wie die Pest. Sie bedeutet nämlich noch einen Schnitt und ein weiteres Präparat. Aber da muss man dann durch. Das Ergebnis lautete J-. Weiter ging es mit "Fruchtkörper gestielt oder hängend". Solche Schlüsselfragen liebe ich. Ein klares "Nein" und es ging ein gutes Stück weiter. Die Frage "Sporen glatt oder ornamentiert" war auch einfach zu beantworten: glatt. Auch die nächste Frage " Hyphen einfach septiert" konnte ich mit einem sicheren "Ja" beantworten. Jetzt hieß es "Zystiden vorhanden". Ich hatte keine gesehen, also "Nein". Nun stand bereits die erste Gattung zur Debatte: Laetiporus. Sollte etwa unser allseits bekannter Schwefelporling Laetiporus sulphureus tropische Verwandschaft mit einem stark differierenden Habitus haben? Von der Farbe her passten die Arten gar nicht so schlecht zueinander, aber saftig und käsig war unser Thailänder nicht. Dann die Erlösung: Laetiporus ist monotypisch, also zählt nur eine Art. 
Da unser Pilz eine Hutkante aufwies, waren die alternativen Fragen wiederum leicht mit "Ja" zu beantworten: Der Wuchs war "effus-reflex" und er war "breit angewachsen". Nun standen noch zwei Gattungen zur Auswahl: Gloeoporus mit allantoiden Sporen und Rigidoporus mit globosen Sporen. Beides Fehlanzeige. Ende der Fahnenstange.

Jetzt gab es drei Möglichkeiten:

a) der Thai ist ein Porling, aber nicht in der Ost-Afrika-Flora aufgeführt 
b) der Thai ist kein Porling, und war deshalb von mir mangels Literatur nicht zu bestimmen, und
c) eine der Schlüsselfragen wurde falsch beantwortet

Da ich äußerst ungern Arbeit in eine Sache investiere, die zu keinem Ergebnis führt, und bei der Bestimmung mittels eines dichothomen Schlüssels der Ariadne-Faden gar nicht so selten reißt, beschloss ich, meine Bestimmungskünste als restrisikobehaftet anzusehen, entschied mich für c) und ging den Schlüssel nochmals durch.
Bei der Frage nach den Zystiden kam mir meine Erfahrung bei der Bestimmung unserer heimischen Porlinge zu Gute. Es gibt eine nicht unbeträchtliche Anzahl Arten, die nur vereinzelte Zystiden aufweisen und, wenn man Pech hat, findet man in einem Präparat keine. Also beantwortete ich die Schlüsselfrage versuchsweise mit "Ja" und ich gelangte sofort zu einer Gattung, deren Fruchtkörper "poroid bis deutlich hydnoid" und "gelb" sind: Flavodon. Die Beschreibung der einzigen Art dieser Gattung - Flavodon flavus (Kl.) Ryv. ließ mich sofort zu der Überzeugung kommen : Das ist unser Pilz. Alles stimmte: Makroskopischer Habitus, Sporenform und -größe, Hyphenform und -abmessungen - bis auf die Zystiden. Und diese waren nicht etwa selten, sondern sogar dominant im Hymenium, und sie waren inkrustiert. Jetzt dämmerte mir etwas. Ich hatte mir angewöhnt, zähharte Porlinge in 10%iger KOH zu untersuchen. Sie lassen sich dann leichter quetschen. Allerdings lösen sich Inkrustationen dann auch wesentlich leichter auf und übrig bleibt ein nacktes Element. Wenn sich dieses in seiner Form von den Hyphen und Basidiolen abhebt, ist trotzdem klar, dass es sich um eine Zystide handelt. Die weitere Untersuchung in verdünnter KOH (oder Wasser) gibt dann die Antwort, ob die Zystiden inkrustiert sind. Bei dem untersuchten "Gelben Gelbzahn" (Das ist die wörtliche Übersetzung des Artnamens) unterscheiden sich die Zystiden aber nur unwesentlich von den Hyphen und sie sind genauso breit wie die Basidiolen. Deshalb war ich gar nicht auf die Idee gekommen, es mit verdünnter KOH zu probieren. Nachdem ich es nachgeholt hatte, erlangte ich dann letztendlich Gewissheit: Der schöne Thailänder hieß Flavodon flavus. Die Bestimmung war ein hartes Stück Arbeit, aber es war geschafft und ich konnte ein Erfolgserlebnis buchen.
Flavodon flavus gibt es nicht nur in Thailand. Er wächst auf Laubhölzern von Südafrika durch das tropische Afrika über Pakistan bis zu den Philippinen und in Australien. Funde aus China und Japan sind nicht bekannt. Entdeckt und beschrieben wurde die Art bereits 1833, und dem großen Taxonomen Linné war sie auch schon bekannt.

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