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Ein
neuer Lebensraum für Pilze: Mulchbiotope
Wer Pilze sammeln möchte, geht dazu im Normalfall in den Wald
oder auf die gedüngte Champignonwiese. Aber wußten
Sie, daß Sie unter Umständen nur bis zu Ihrem
Vorgarten gehen müssen, um eine nie gekannte Formen- und
Farbenpracht zu bewundern? Sie brauchen dazu nicht einmal bis zum
Herbst zu warten, denn eine Reihe von Pilzarten erscheint bereits im
Frühjahr.
Die Rede ist von partiell vegetationsfreien Sonderstandorten wie es
gemulchte Beete, mit Holzschredder bedeckte Vorgartenanlagen und
öffentliche Strauchrabatten sind. Die dort zu beobachtende
Artenfülle an Pilzen wird im gleichen Maß
üppiger, wie das Mulchen zum Zwecke der
Wildkrautunterdrückung an Popularität
gewinnt.
Es ist dabei keineswegs egal, ob zum Abdecken der Beete Holzmulch oder
Rindenmulch verwendet wurde und ob dieser von Nadel- oder von
Laubgehölzen stammt. Mit der Art und Zusammensetzung des
Mulchbelages ändert sich auch die Pilzgesellschaft, die sich
darauf einstellt. Die Frage, was denn die Pilze in den Bröseln
tun, ist leicht beantwortet: Sie zerlegen das Holz wieder in seine
Grundbestandteile. Gäbe es die Pilze nicht, würden
die Holzbestandteile auch nicht verrotten. Das ist im Vorgarten nicht
anders wie im Wald, wo die Pilze eine der wichtigsten Rollen aller
Lebewesen innehaben: Als Müllentsorger.
Aber welche Pilzarten erscheinen nun in den neu entstandenen
Lebensräumen?
Als erste im Jahresablauf - und für Speisepilzliebhaber sicher
besonders interessant - die Speise- und Spitzmorcheln. Sie
dürfen bereits ab April bis weit in den Mai hinein erwartet
werden, ganz besonders im ersten Frühjahr nach dem
vorjährigen Mulchen. Sie erscheinen dann manchmal in
ungeahnten Massen und bieten für einige Mahlzeiten
"Delikatessen satt". Nutzen Sie diese Schwemme, denn im
nächsten Frühjahr ist es aller Wahrscheinlichkeit
vorbei damit. Denn: Morcheln und ihre Verwandten sind besonders
konkurrenzschwache Organismen, die nur auf jungfräulichen
Substraten Fuß fassen und zur Fruktifikation gelangen. Sie
erliegen schon bald der sich einstellenden Konkurrenz anderer Pilze
oder Pflanzen.
Morcheln zu erkennen ist trotz der Farben- und
Formenvariabilität gar nicht so schwer: Sie haben eine
wabenartig gekammerte Oberfläche und sind innen von Kopf bis
Fuß hohl. Zu verwechseln sind sie höchstens mit den
potentiell tödlich giftigen Lorcheln, die aber eine hirnartig
gewundene Oberfläche haben. Wenn sie im Rindenmulch wachsen,
was durchaus vorkommen kann, dann fast stets in der Nähe von
Kiefern.
In letzter Zeit sind auch so seltene Vertreter der Pilzflora wie z.B.
die Fingerhutverpeln im Rindenmulch aufgetaucht. Die zunehmende
Häufigkeit dieser geschützten Kleinodien
hängt sicher nicht zuletzt damit zusammen, daß das
Angebot an geeigneten Mulchbiotopen in den letzten Jahren sprunghaft
angestiegen ist.
Das, was sich im Anschluß an die Morchelzeit einstellt, ist
nicht weniger attraktiv, wenngleich es auch für
Speisepilzsammler manchmal etwas zu wünschen übrig
läßt. Insgesamt wurden bereits über 100
Arten in diesem sich ausbreitenden Lebensraum festgestellt. Darunter so
spektakulär anmutende Pilze wie der Orangerote
Träuschling. Ob er eßbar ist, hat wohl noch kaum
jemand ernsthaft probiert, aber viel passieren kann vermutlich nicht.
Seine eßbaren Gattungsverwandten wie der
Grünspan-Träuschling wachsen ebenfalls hier und der
Riesen-Träuschling, der als "Braunkappe" auf Stroh
gezüchtet werden kann, breitet sich mit Vergnügen auf
den Holzhäckseln aus.
Als ganz neu eingewanderte Art wurde in Deutschland erst vor wenigen
Monaten der Üppige Rübling festgestellt, ein
Verwandter des bekannten Waldfreundrüblings.
Ursprünglich in Amerika zu Hause, fand er im Rindenmulch eine
willkommene Heimat und bildet hier riesige
Fruchtkörperbüschel, die bis zu 2 kg schwer werden
können. Ich habe ihn übrigens probiert: Er ist
eßbar und durchaus wohlschmeckend. Ganz anders als der
Unverschämte Rübling: Er stinkt bestialisch nach
faulem Kohl mit Knoblauch und schmeckt auch nicht besser. Auch er
fühlt sich im Geschredderten sichtlich wohl.
Der Anlaufende Egerlingsschirmpilz hat eine große
Ähnlichkeit mit dem Parasol, unterscheidet sich von ihm aber
durch das beim Durchschneiden sofort chromgelb anlaufende Fleisch.
Mancherorts wird der Pilz gegessen, aber nicht von jedermann vertragen.
Wer es dennoch versucht, kann feststellen, daß sich sein
Fleisch in der Pfanne von gelb nach leuchtend rot verfärbt.
Ein Speisepilz für Aberteuerlustige also.
Der Gold-Mistpilz heißt so, weil er gerne auf Mist
wächst. Aber auch im Rindenmulch fühlt er sich zu
Hause. Seine Fruchtkörper sind dort aber nicht leuchtend
dottergelb wie bei der Normalform, sondern intensiv zitronengelb.
Es fällt schwer unter den vielen Mulchbewohnern eine Auswahl
zu treffen, könnte man doch damit die ganze Ausgabe
füllen. Vielleicht sei einer zum Schluß besonders
hervorgehoben: Der nur 1 cm große Tiegel -Teuerling, der zu
Tausenden ganze Flächen dicht an dicht überziehen
kann. Seine Verbreitungsstrategie macht ihn so interessant: Die
münzenförmigen weißlichen
Sporenbehälter in den Tiegelchen werden von hineinklatschenden
Regentropfen herausgeschleudert, heften sich mit einer Art
"Nabelschnur" an den nächsten Grashalm, der alsbald von einem
Tier gefressen wird. Wenn die Sporen dann andernorts ausgeschieden
werden, dann ist der Pilz vielleicht schon bald in Nachbars Vorgarten
zu bewundern.
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