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Roberta´s
Rache
Von Karin Montag
Ich bin am Ende. Fertig.
Ich biete einen Anblick zum Erbarmen. Das, was der grausame Sturm im
November und der Blitzeinschlag im letzten Sommer von mir
übrig gelassen hat, hat nicht den Hauch einer Chance zum Baum
des Jahres gekürt zu werden.
Ich bin einsam, verstümmelt, dem Tod näher als dem
Leben.
Der letzte meiner einst zwanzig Untermieter, ein ziemlich gemeiner
Wirrkopf, hat mich kürzlich verlassen. Und das, obwohl ich ihn
anflehte zu bleiben.
"Hör zu, du Gemeiner Wirrkopf. Du kannst jetzt nicht gehen. Du
siehst doch, dass ich dich brauche."
"Du brauchst mich? Ist ja ganz was Neues. Damals, vor zig Jahren, da
hast du mich keines Gedankens gewürdigt. Da waren die feineren
Herrschaften gefragt. Ich brauche mich nur daran zu erinnern, wie du um
den
rauhfüßigen Herrn Tessela herumscharwenzelt bist.
Zum
Kotzen war das. Unsereins war einfach abgemeldet."
"Tut mir leid. Du musst verstehen. Du bist eben so klein und so braun
und unscheinbar.
Außerdem so wenig produktiv. Von dem Herrn Tessela habe ich
eine hohe Miete bekommen und überhaupt hatte ich alle Wurzeln
voll zu tun mit dem Herrn."
"Von mir hast du auch Miete gekriegt. Und was habe ich von dir
bekommen? Eine winzige Wurzelspitze direkt am
Strassenrand. Jeder Hund pinkelte mich an und dauernd wurde ich von
einem Auto angefahren. Was verlangst du denn noch für so eine
Mansarde? Nein, teure Freundin, wir sind längst quitt."
"Bitte bleib, lieber Wirrkopf. Sieh mal, ohne mich bist du doch auch
nichts."
"Das denkst du so. Für unsereins ist überall Platz.
Selbst bei den blöden Fichten. Ich bin
schließlich genügsam. Ich kann mir aussuchen, wo ich
wohnen will. Hier jedenfalls nicht mehr. Dein Herr
Rauhfuß und dieser eingebildete Monsieur
Camembert, die mögen vielleicht besondere Ansprüche
an ihre Wohnung stellen. Ich nicht.
Aber deren Bedürfnisse kannst du im Moment ja offensichtlich
nicht befriedigen, sonst wären die Herrschaften ja noch da,
oder? Nein, es bleibt dabei, liebe Roberta, ich gehe."
Alles Flehen nutzte nichts.
Ich, die stolze Roberta Quercina bettelte jemanden ums Bleiben an. Noch
dazu so einen nahezu nutzlosen Gemeinen Wirrkopf.
Oh, wie tief bin ich gesunken. Meine Güte, was
fütterte ich in meinen Glanzzeiten, vor
dreißig Jahren, für eine bunte und illustre Meute an
meinen Wurzeln durch: die
Täublings, die
Ritterlings, die Schleimkopfs mit ihrer Riesensippschaft und wie sie
alle
hießen. Nicht zu vergessen die allerliebsten Kleinen der
Röhrlings.
Na gut, nicht, dass ich die alle umsonst und einseitig
verköstigt hätte, das gerade nicht. Die vielen
Bewohner mussten schon einen gewissen Mietzins zahlen. Genau diesen
Abgaben verdankte ich
schließlich meine strahlende und stattliche, rundum
wohlgenährte und gesunde Erscheinung. Ich war eine wohlhabende
Lady und
außerdem das Schmuckstück in meinem Umfeld. Ich
wohne nämlich in einem Waldstück mit lehmigem Boden
und ich bin von lauter mickrig-krummen, aber liebenswerten Subjekten
umgeben, die der anspruchslosen Familie von Hain Buchen
abstammen.
Aber das ist jetzt alles vorbei.
Als erste verabschiedeten sich Schleimkopfs. Die hatten ohnehin
zeitlebens etwas zu nörgeln an ihrer Behausung und zogen sich
beleidigt zurück, wenn ihnen irgendetwas nicht passte. Dabei
habe ich wirklich getan, was ich konnte.
Dann gingen so nach und nach die Ritterlings und als selbst der
Unverschämteste von ihnen, den alle hier nur
"Lasci" nannten, die Verbindung abbrach, da begann ich mir doch einige
Sorgen zu machen.
Ein verdrossen dreinblickender Eigenbrötler mit graubraun
verfilztem Schädel, schwammig-röhrigem Futter und
Roten Füssen, war noch der einzige, neben dem besagten
Wirrkopf.
Doch der ging dann auch.
Etwa zum gleichen Zeitpunkt, als ich statt der bisher zwanzig oder
dreißig Untermieter nur noch diese beiden trivialen
Nichtsnutze beherbergte, merkte ich, dass es mit mir rapide bergab
ging.
Hundert Jahre hatte ich damals auf dem Buckel, was für eine
Madame Quercina ja gar kein Alter ist. Tiefe Falten hatten sich dennoch
bereits in mein
Äußeres eingegraben.
Ich begann plötzlich unter einem ständigen und
unstillbaren Durstgefühl zu leiden. Ich fühlte mich
so krank, dass ich meinte in der nächsten Minute sterben zu
müssen.
Doch wem sollte man derartige Leiden klagen: Einem Menschen etwa?
Mitnichten. Die haben doch nur ihre eigenen Zeit- und
Bewegungsrichtlinien. Die können sich absolut nicht
vorstellen, was ein Geschöpf wie ich denkt und fühlt.
Wie auch immer: In der Folge meiner beginnenden Malaisen nisteten sich
verhasste Mehltaupilze ungebeten auf meinen Blättern ein. Dann
bekam ich rostige Pickel, was eine Folgeerscheinung von Phosphormangel
war.
Hätte ich mich fortbewegen können, wäre ich
in die nächste Apotheke gegangen um mir ein
Vitamin-Mineralstoff-Präparat zu besorgen. Also genau das, was
mir zuvor all meine entschwundenen Untermieter beschafft hatten.
Das taten die jedoch nicht mehr und die vielen Besucher, die mehr oder
weniger achtlos an mir vorbeigingen, kriegten gar nicht mit, wie ich
litt. Selbst wenn, hätten sie mir kaum helfen können;
nicht einmal die Männer in den grünen Jacken, die mit
ihren grünen Jeeps bis auf meine Wurzeln fuhren, kannten meine
wahren Bedürfnisse. Die kippten mich mit Jauche und
Dünger zu und wunderten sich hinterher, dass mir auch noch die
Atemluft wegblieb. Nein, Waldmenschs hatten keine Ahnung, was
Bäume wirklich wünschen...
Die kamen nur, um ein weisses Kreuz an einen meiner Nachbarn zu malen,
zum Zeichen dafür, dass dessen letztes Stündlein bald
geschlagen haben würde und dass der Befehlsempfänger
mit der Motorsäge im Anrücken ist. Oder sie
schnauzten arglose Pilzsammler an, weil sie die Wege (die ja oft eher
Strassen sind) verlassen haben oder weil sie ihren Fiffi nicht an der
Leine führten. Oder sie walteten sonstwie wichtigtuerisch
ihres Amtes.
Diese Männer waren überhaupt nicht in der Lage zu
erkennen, dass das Vorhandensein von Pilzen (und damit von
Pilzsammlern) überhaupt und grundsätzlich ihrem Job
dienlich ist.
Ein wirksames Medikament gegen die quälenden Folgen meines
Mineralstoffmangels und meines andauernden Durstes, das hatten sie
nicht,
ebensowenig, wie sie mir neue hilfreiche Untermieter heranschaffen
wollten.
Nein, schlimmer noch: Sie taten allein aus Unwissenheit sogar einiges,
um meinen pilzlichen Förderern die Anwesenheit so
gründlich wie möglich zu verleiden. Mit
Drainagegräben, Kalkgaben, Düngern... Aber das ist
eine eigene, schier endlose Geschichte...
Meine Qualen waren inzwischen so übermächtig, dass
ich keinen Sinn mehr für die subtile Thematik hatte und lieber
heute als morgen das Zeitliche segnen würde.
Ich war mittlerweile über und über von Parasiten
befallen, die mich im Laufe der Jahre innerlich und äusserlich
in einen erbarmungswürdigen Zustand versetzten.
Ich kannte sie alle mit Namen: Hepa Tika mit der Fistelstimme, die so
gar nicht zu dem kuhroten, wabbeligen Monstrum passt. Sie hat mich
angefallen, nachdem mir eine Holzerntemaschine eine riesige Wunde
beigebracht hat, die schier überhaupt nicht mehr heilen wollte
und die mich jahrelang quälte. Hepa ist aber nicht ganz so
schlimm wie die anderen. Die Unbill, die sie mir bereitet, ist zwar
anhaltend und sie wird auch bis zu meinem Ende dauern, aber es
ist auszuhalten. Hepa ging eher sanft und gemütlich vor mit
ihrem Zerstörungswerk unter meiner Rinde.
Unangenehmer gebärdete sich Dryadeus Schiller, der, zu meinen
Füssen kriechend, dauernd die dicken Krokodilstränen
vergoss, weil es ihm angeblich leid tat, dass er mich so grausam
aussaugte. Man muss ihm in der Tat fast verzeihen: Auch er fand nur
eine brutal aufgebrochene Tür und ging einfach und unbehelligt
hinein...
Nicht zu vergessen der robuste Feuerteufel, der schon seit Jahren
schmerzhaft von einer Astgabel ausgehend langsam aber sicher mein
Kambium zerstört.
Dann diese eitle Harzbacke von Resi Ganoderm mit den lackierten
Nägeln, die immer behauptet, sie sei friedlich. Dabei ist sie
keinen Deut harmloser als die anderen Schmarotzer.
Und als Krönung des ganzen
Schlamassels die
wasserstoffblonde Sulphurike
Laeti-Porus, die übelste von allen. Sie frisst mich in
kürzester Zeit von innen heraus auf und hinterlässt
eine krümelig-braune Schneise der Zerstörung in
meiner ehemals edlen und und im Normalfall ziemlich teuren Kernsubstanz.
Mein Inneres ist seit dem aushöhlenden Besuch der
bösartigen Blondine ein wertloses Nichts.
Das Tröstliche daran: man sieht mir
äußerlich zunächst nicht an, dass es mir so
schlecht geht. Innen bin ich faul und hohl,
außen sehe ich aus wie das blühende Leben.
Oben hui, unten pfui. Wie im richtigen Leben.
Viel später, als ich mich längst
aufgegeben hatte, kamen die, die nur darauf warteten, mich, das arme,
wehrlose Opfer zu entern:
Ein traurig herabhängender Ast an meiner linken Flanke - die
aalglatte und immer ein bisschen grüne Schilda Colpoma
stürzte sich darauf.
Eine Wundstelle an der stammnahen Hauptwurzel: Asyl für den
sparrigen Pholi
Schüppli.
Eine für Minuten unbewachte Wurzelspitze:
Honigsüß und mit fröhlichem Hallihallo
schleimte sich der unwiderstehliche Melle Armillaria ein. Diesmal von
unten.
Aber bitte gerne... Lasst euch nicht stören.
Nehmt, war ihr braucht, zerbröselt mich... Ihr Kotzbrocken und
ihr widerlichen Leichenfledderer. Aber macht es wenigstens kurz!
Machen wir uns nichts vor: Es gibt für mich
selbst keine
Rettung mehr.
Die einzige Möglichkeit der Erhaltung meiner Art ist die
Reproduktion. Als ich vor Jahren merkte, dass es bergab mit mir ging,
habe ich noch einmal alles gegeben. Ich produzierte Früchte
wie ein Weltmeister.
Es war vergeblich.
Zunächst wenigstens.
Meine Samen sind zwar alle aufgelaufen, dann aber sind die Keimlinge
mangels Wasser eingegangen. Kein Wunder: Besonders eifrige
Grünröcke hatten einen tiefen Drainagegraben
ausgerechnet in meinem Terrain ausgehoben. Warum sagt denn diesen
Freilandaktivisten niemand, dass ihre Arbeitswut zu Hause in der
Kellerwerkstatt besser ausgelebt werden sollte als im Wald.
Meine Kinder sind fast alle vertrocknet.
Den kümmerlichen Rest haben die Rehe abgefressen.
Ohne Ausnahme.
Im Jahr darauf war es das gleiche Fiasko, wenn auch von ganz anderer
Art: Die Eichelfäule bemächtigte sich meiner
Reproduktionsorgane. Der Ciboria-Clan mumifizierte erst die
Keimblätter, dann meine ganzen Früchte. Keine einzige
Eichel war mehr brauchbar. Alle schwarz. Batsch batsch
batsch.
Im Folgejahr nahm ich noch einmal, ein letztes Mal in diesem kurzen
Leben, all meine Kräfte zusammen: Früchte bis zum
Abwinken.
Normalerweise produziert unsereins nur alle 10 Jahre reichlich
Früchte. Aber wenn es zu Ende geht, da strengt man sich noch
einmal gewaltig an. Verständlich, nicht?
Man will ja schliesslich nicht sang- und klanglos und ohne Erben
untergehen..
Ich liess also Millionen von Früchten auf den Boden fallen -
es müssen einige Zentner gewesen sein. Der mir verbliebene
Rest meiner €ste konnte sie zum Schluss kaum tragen, soviele
waren es. Genug für die wilden Schweine und die
Eichelhäher und wer sonst immer etwas davon haben wollte. Erst
recht genug für die eigene Nachkommenschaft.
Ich selbst bereite mich, glaube ich, ein letztes Mal auf den Winter
vor. Rufe jedes Fitzelchen an Chlorophyll zurück und lagere es
sorgsam ein. Wer
weiss, vielleicht brauche ich es ja doch noch einmal.
Wäre die frostige Zeit nur schon vorbei....
....Wie es nicht anders zu erwarten ist bei einer Kreatur meines
Schlages, ging auch dieser Winter, ebenso wie alle vorhergehenden, fast
folgenlos vorüber. Doch liess selbst die labende
Frühjahrssonne meine Säfte diesmal nur
spärlich steigen und auch das nur noch in einen einzigen,
immerhin letztlich satt grünbelaubten
Hauptast.
Dafür hatte ich das grosse Glück, zu meinen
Füssen ein Wunder zu erblicken:
Im Kreis meiner Kronentraufe und noch ein Stückchen
darüber hinaus waren tausende von Jungen aufgewachsen. Ein
herrlicher, dichter, saftig grüner Rasen von lauter jungen
Quercinas. Alle so 10 - 20 cm hoch. Dicht an dicht. Wie auf Seite 38.
Traumhaft.
Meine Kinder.
Was wird einmal aus ihnen werden?
Es dauerte nicht lange, da fielen die ersten Schatten auf die
Familienidylle. Die Pracht begann sich zu lichten. Der erste, der
bestimmt ein paar hundert meiner Abkömmlinge auf dem Gewissen
hatte, war diese
Holz-erntemaschine, vor der ich mich aus gutem und schon
erwähntem Grund entsetzlich fürchte. Nicht nur, dass
das direkte An- und †berfahren den Tod bringt... schlimmer
noch, hinterher ist der Waldboden so sehr verdichtet, dass da jahrelang
gar nichts mehr wachsen kann.
Aber versuchen Sie das mal einem von denen beizubringen, die im
Kommandostand von so einem Monstrum hocken.
Dann kam wieder dieser Waldbesitzer und hat den Drainagegraben, der
sich wohltuend wasserspeichernd mit allerlei Laubwerk gefüllt
hatte, wieder freigeschaufelt. Besser: freischaufeln lassen.
Für solchen Frevel hatte der natürlich seine Leute.
Sie ahnen schon, was die Folge war: Trockenheit, Mehltau, Tod.
Von meiner ganzen Kinderschar waren im August gerade noch
hundertfünfzig übrig. Wieviele von ihnen den Sommer
überstehen werden? Wenn sie doch wenigstens Untermieter
fänden.
Dann sähe alles ganz anders aus.
Aber woher nehmen? Selbst der Gemeine Wirrkopf ist längst
über alle Berge.
Was höre ich da?
Still! Auf der anderen Seite des Weges bewegt sich etwas.
Menschen kommen näher. Pilzsucher.
Also hier bei mir werden sie nichts finden. Das weiss niemand besser
als ich.
Und niemand bedauert das so sehr wie ich.
Horch. Sie reden miteinander.
"Papa, guck mal, ich habe einen ganz grünen Pilz gefunden."
"Ja Kind, bist du denn von Sinnen? Du drückst gerade einen von
Amanita Grün«s Mörderclique an dein Herz.
Lass ihn sofort
phallen. Der könnte uns alle töten, wenn er in die
Pfanne geraten würde."
Mich nicht, ganz im Gegenteil, dachte ich wehmütig beim
Gedanken an den zahlungskräftigen
Amanita Grün.
In der nächsten Sekunde konnte ich mein Glück kaum
fassen. Der Junge schleuderte den Giftling so weit fort, wie er konnte.
Der Riesenkerl zerschellte klatschend an meiner Borke und stob in
tausend Einzelteilen in alle Richtungen davon.
Wissen Sie, was das bedeutet? Milliarden von Sporen potentieller,
solventer Untermieter für meine darbenden Kinder. Noch dazu in
gut verteilten Häppchen.
Der Wettlauf mit der Zeit beginnt.
Ich stelle mir vor (leider kann ich es nicht sehen), wie die Sporen
auskeimen, wie die Hyphen sich zu einem neuen Pilzgeflecht vereinigen,
wie sie wachsen, wie sie auf die
äußersten, haarfeinen Saugwurzeln meiner Kinder
treffen, diese an den Spitzen dicht und schützend mit
spinnwebfeinen Fäden umgarnen.
Ich fühle mich wie im siebten Himmel.
Die Mühe war nicht vergeblich.
Für mich selbst kommt das ja alles viel zu
spät.
Meine Feinwurzeln existieren praktisch nicht mehr. Sie sind
verhärtet, fast undurchdringlich geworden. Kein
vernünftiger Mieter würde sich die Mühe
machen in diesen Altbau einziehen zu wollen. Aber meinen Kindern kommt
es gerade recht. Wenn es nur etwas mehr regnen würde. Oder
wenn das vorhandene Wasser nicht sofort wieder
abfließen würde.
Das kranke Herz schlägt mir bis zum Hals in atemloser Spannung.
Erst im Oktober konnte ich mit großer Erleichterung
feststellen, dass mindestens zehn meiner Kleinen dem lebensrettenden
Amanita Grün Einlass gewährt hatten. Zumindest diese
zehn waren damit ohne Zweifel winterfit.
Nun hätte ich mich eigentlich unbesorgt zur wahrscheinlich
allerletzten Nachtruhe begeben können.
Dennoch war ich alles andere als sorglos.
Es sind eben sehr zarte Geschöpfe, meine Babys.
Werden wenigstens diese zehn überleben?
Doch da naht schon die nächste Katastrophe.
Mitte Januar, an Schlaf war kaum zu denken, musste ich
hilflos mit ansehen, wie eine Rotte von Viechern, die den Namen
Ungeziefer mehr als alle anderen Kreaturen verdienen würden,
sich über meine Kinderschar hermachte. Innerhalb von zwei
Minuten hatten die weißärschigen Rehe alle
aufgefressen.
Alle, die kräftigen mit ihrem Freund Amanita Grün
genau so wie die Kleineren, die noch ohne einen Untermieter auskommen
mussten, sind im Magen dieser gefräßigen Monster
verschwunden. Süße Bambis, dass ich nicht lache.
Kindermörder. Und so etwas wird auch noch gehegt und
gepäppelt. Wachset und mehret euch. Kroppzeug. Ungeziefer.
Gaskammer. Hackfleisch. Wolf in den Wald, Zweibeiner raus. Ich glaube,
ich werde verrückt. Kommt mich abholen.
Sie können mir glauben, dass in Anbetracht solcher Tragik
selbst eine gestandene, vom Leben nicht gerade verwöhnte
Roberta Quercina schwere Depressionen davontragen kann.
Ich bin dabei beileibe nicht die einzige in den Wäldern und
Forsten der Gegenwart, die von dieser üblen Seelenkrankheit
heimgesucht wird. Seufz.
Was ist das?
Was erblicken meine tränennassen Augen?
Herrje, wie konnte ich das nur übersehen?
Eines meiner Kinder ist ja noch da.
Das kleinste von denen, die sich ihren Amanita Grün angelacht
haben. Keck und ein bisschen krumm, aber voller Lebensenergie wuchs es
ganz allein am oberen Rand des verhassten Drainagegrabens. Mein ein und
alles.
Ich weiß es, mein Kind, du wirst es schaffen.
Bis zum Durchbruch des Frühjahrs fiel ich
endlich in einen
bleiernen Schlaf. Ich habe nicht einmal mitbekommen, dass einer von den
Motorsägenbesitzern ein ein
großes weißes Kreuz auf meine Borke gemalt hat.
Mitte Mai erwachten meine Lebensgeister erneut. Ganz
spärlich und verhalten zwar, aber für einen winzigen
Bürzel grüner Blätter hat es gerade noch
gereicht. Und dafür, um zu sehen, wie prächtig sich
mein Kind entwickelt. Es war schon fast dreißig Zentimeter
groß, satt grün, gesund, wüchsig, herrlich
anzusehen.
Als größtes Glück, das mir in diesem
letzten Herbst meines Lebens vergönnt war, zeigte sich im
September sogar schon sein Mieter.
Es schien gerade so, als wollte er sagen: "Schau, nichts und niemand
kann uns beiden etwas anhaben."
Amanita Grün erschien in Form von drei wahren
Prachtexemplaren, die fast so groß waren wie ihr junger
Lebensgefährte.
Das Leben kann so schön sein!
Dass ich das noch erleben darf!
Doch plötzlich:
Motorgeräusch. Stimmen. Schritte.
Wer ist das, wer spricht da?
"Hier das muss auch weg."
"Alles?"
"Ja alles. Der Graben wird sauber gemacht und die Böschung
wird gefräst. Ich will kein Unkraut mehr sehen, wenn du hier
fertig bist.
Ordnung muss sein in einem deutschen Forst."
"Ja Chef. Roger. Wird gemacht, Chef."
Hilflos und mit blankem Entsetzen musste ich mit ansehen, wie dieser
Underdog von Waldarbeiter die Befehle des Grünrocks im
grünen Jeep pflichtbewusst ausführte.
Folgsam. Gedankenlos. Gründlich.
Mein einziges Kind fiel der Fräse zum Opfer.
Mein Herzblut. Mein Universalerbe.
Mein Leben. Ich will auch sterben.
Außer einem inständigen, flehenden Gebet fiel mir in
meiner stummen, herb enttäuschten und grenzenlosen
Machtlosigkeit nichts ein.
Doch: Mein verzweifeltes Gebet wurde erhört!
Genau in dem Moment, wo der unerbittliche Befehlshaber wieder in seinen
Geländewagen stieg, kam ein äußerst
kooperativer Sturm auf.
Eigentlich war es nur eine einzelne Windböe.
Sie erlaubte mir als allerletzte und größte Aktion
meines Lebens einen Vergeltungsmord zu begehen.
Indem ich mich mit aller Kraft und Sturms Hilfe zielsicher auf den
Wagen stürzte.
Schon am nächsten Tag
stand in der Pilz-Bild:
Waldbesitzer von Baum erschlagen.
In
Ausübung seines Gewerbes ereilte den 59jährigen
Waldbesitzer Raffael Astloch kurz vor seiner Pensionierung ein
grausames Schicksal: Er wurde in seinem Auto von einem Baum erschlagen.
Er war sofort tot. Seine Verdienste in der Forstwirtschaft waren
ausserordentlich: Er erzielte mit besonderen Düngesystemen
gigantische Holzzuwachsraten, sein Revier war stets perfekt
aufgeräumt, die umfangreichen Rot-, Reh- und
Schwarzwildbestände standen gut im Futter und hatten reichlich
Nachwuchs. Raffael Astloch hinterlässt eine der bedeutendsten
Motorsägensammlungen, einen 62 Jahre alten Hinterlader und
einen zerknitterten grünen Jeep.
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