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Der
falsche Pilz der Götter
Von Matthias Breitfeld, Markneukirchen
Als im gleißenden
Abendlicht der Pyramiden von Tikal die Priester der Maya den
betörenden Pilz der Götter, den "Teonanacatl", zur
Traumreise in der Vision der Götter zu sich nahmen, gaben sie
sich dem Genuss eines unscheinbaren kleinen Pilzes hin, des Psilocybe
semilanceata (Fr.) Quél. Der Mykologe Schultes
glaubte indes einen anderen Pilz in jenem göttlichen Fleisch
zu erkennen, einen Düngerling, Panaeolus ovatus
Cooke & Massee. Er berief sich auf Vergiftungen aus dem Jahre
1917 in den Vereinigten Staaten, welche eindeutig
halluzinogenen Charakter trugen. In der Tat beschreibt ein Mann aus
Maine (USA) folgendes: "Nach dem Verzehr wurden wir beide in kurzer
Zeit sehr angeregt und nahezu hysterisch. Das Lachen konnte nur mit
großer Schwierigkeit unterdrückt werden.
Gegenstände nehmen eine blaue und rote Tönung an.
Später hatte ich eine sehr unangenehme Illusion.
Unzählige menschliche Gesichter aller Art und verschiedensten
Aussehens erschienen und füllten den Raum völlig aus.
Sie grimmassierten schnell und wirkten schrecklich. Die Gesichter
zeigten alle möglichen Farbintensitäten und auch ein
intensives Rot und Violett, wie Feuerwerke. Nach sechs Stunden endete
der Zustand ohne jegliche Nachwirkungen."
Die Gepeinigten hatten versehentlich Düngerlinge der Art Panaeolus papilionaceus
(Bull.:Fr.) Quél. verspeist. Ungeachtet dieser Tauglichkeit,
ins Reich der Götter und Mythen mit diesem Pilz zu gelangen,
gilt es heute als abgesichert, da der Teonanacatl besagter Psilocybe
ist. Denoch haben es die Düngerlinge handfest in
sich. Nase vorn ist dabei der Gezonte Düngerling Panaeolus
subbalteatus (Berk.&Br.) Sacc. Mit bis zu 0,65% des
psychoaktiven Alkaloides Psilocybin steht die Art dem Teonanacatl in
nichts nach, was ihm auch in Verwechslung den von Guzman
geprägten Begriff "falscher Teonanacatl"
eintrug.
Sanft wirksam sind zudem Baeocystin und Serotonin.
Tatsächlich kam es immer wieder zu Rauschvergiftungen durch
den Gezonten Düngerling. Diese Verwechslungen sind an sich
verwunderlich, da kaum ein Speisepilzsammler im Mist
herumwühlt. Andererseits ist dieser rotbraune Pilz mit seinem
markant hygrophanen Rand leicht anzusprechen. Allerdings blasst er beim
Trocknen aus und dann kann er unbedacht in Champignonkulturen sein
trügerisches Werk vollenden. Dann nämlich ist er beim
Ernten der begehrten Gourmetpilze durchaus zu übersehen. Und
hier beginnt der Rausch. Übrigens foppte er auch schon in
Kulturen mit Riesenträuschlingen seine Opfer, so 1970 in
Leipzig. Literaturangaben zufolge wächst die Art auf grasigen
Stellen. Dem kann man folgen, wenn in Betracht gezogen wird, da diese
stark gedüngt oder kotdurchsetzt sind. Ich fand die Art nur
auf Mist oder auf mit Mist durchsetztem Kultursubstrat.
So weit, so gut, seit 1957 haben wir auch in Deutschland nachgewiesene
Vergiftungen durch Panaeolus subbalteatus. Damals in Bremen glichen die
Symptome einem gewaltigen Alkoholrausch mit deftigen Farbvisionen. Eben
dieses Abheben von der Realität in irrationale Bereiche mit
Farb- und Formvisionen in oftmals grotesker Ausbildung ist der
entscheidende Faktor dafür, da Pflanzen als Mittler zwischen
Mensch und Götterwelt Beachtung geschenkt wurde. Die Zahl
dieser Götterboten ist weltweit schier unbegrenzt. Nur wenige
Völker kannten keine Halluzinogene. Im Epizentrum der
psychoaktiven Pflanzen, in Mittelamerika, war dann auch der
Teonanacatl-Kult von allergrößter
Bedeutung.
Allein die überaus tiefgreifende Verehrung des Peyotlkaktus
(Lophophora williamsi) bei den Tarahumare und Huicholes
übertraf den Teonanacatl-Kult. Es ist bekannt, da 1914, zur
Zeit der Prohibition, der Säufer Rave als
Hintertürchen zum Alkoholverbot eigens die "American Native
Church", eine fast gänzlich auf Indianer beschränkte
Kirche gründete, deren Attribut vornehmlich der Genu der
Kaktusscheiben, die zum Rausch führen, der Mescal-Buttons,
war. Das als Nebengedanke in Sachen Pflanzenrausch. Schlicht, dort in
Mittelamerika war der Teonanacatl-Kult unausrottbar. Dabei
unterschieden Erstbeobachter mehrere Arten dieser "Hongosque
emborrachan". Ob sich hier unter dem "Blätterpilz auf der
Wiese", wie es Flores in der "Historia de la Medicina en Mexiko"
schreibt, Panaeolus verbirgt, lässt sich nicht feststellen,
doch er ist der einzige der aufgeführten Arten, die sich nicht
sicher zuordnen lässt. Unscheinbar sind sie, die
Düngerlinge der Gattung Panaeolus. In den auf Stroh- Mist-
Substrat kultivierten Gurken- oder Tomaten-Grosskulturen der
Gewächshäuser zu Zeiten der ehemaligen DDR waren sie
bestandsbildend. Vor allem die bereits erwähnten Panaeolus
subbalteatus und P. papilionaceus standen überall in
großer Zahl. Warum ich den Versuch nicht wagte, kann ich
nicht einmal beantworten. Vielleicht wäre es mir gelungen und
ich wäre in die illuminöse Welt der Farbspiele und
veränderlichen Formen eingetaucht und der schlichte
Düngerling wäre mein Teonanacatl, mein
Fleisch der Götter, geworden.
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