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Das
Pilzjahr 1998 im Vogtland
Von Gert Goldhahn, Freiberg
Die schönste Zeit aller Pilzfreunde begann im
Vogtland, einem Mittelgebirgsgebiet zwischen Plauen (Sachsen), Hof
(Bayern) und Asch (Böhmen), in diesem Jahr bereits Mitte Mai,
unmittelbar nach Christi Himmelfahrt. Das Pilzjahr zeichnete sich durch
seine außergewöhnliche Länge aus, so waren
dann von der 21. Woche bis zur 45. Woche im November stets viele
Pilzarten im Wald und auf den Wiesen zu beobachten.
Als erster erschien auf dem Waldboden aus dem Lager der
Röhrlinge der flockenstielige Hexenpilz (Boletus erythropus),
in einigen Gegenden auch als Schusterpilz bekannt. Zu gleichen Zeit war
als Vertreter der Frühjahrs- bzw. Herbst- und Winterpilze noch
der Austernseitling (Pleurotus ostraetus) zu finden. Bis Ende Juni
blieb der Hexenpilz der einzige namhafte Vertreter der
Röhrlinge, bis sich dann im Juli mit dem
Lärchenröhrling (Suillus grevillei), dem
Rotfußröhrling (Xerocomus chrysenteron), dem
Pfefferpilz (Boletus piperatus) und auch einigen Blätterpilzen
weitere interessante Arten dazu gesellten.
Bemerkenswert war das vergangene Jahr u.a. auch durch ein starke
Auftreten des Dickfußröhrlings (Boletus calopus)
Mitte August. Dieser nicht genießbare, bitter schmeckende
Pilz, wird im Sammelgebiet nur selten gefunden, trat 1998 aber in
größerer Stückzahl und vor allem in
großen Exemplaren auf. Diese werden manchem weniger
versierten Wanderer bestimmt einiges Kopfzerbrechen bereitet haben. Zur
gleichen Zeit trat auch der Perlpilz (Amanita rubescens)
verstärkt in Erscheinung.
Nachdem insbesondere der Frühsommer durch eine starke
Verbreitung des flockenstieligen Hexenpilzes gekennzeichnet war sowie
beträchtlichen Schwankungen im Auftreten von Woche zu Woche im
Sommer, ging es im September mit den Pilzen erst richtig los.
Insbesondere die starken Regenfälle in der 37. Woche mit ca.
30 l/m2 Niederschlag und in der 38. Woche mit ca. 50 l/m2 in
Zusammenhang mit der nötigen Witterung brachten das Wachstum
der Röhrlinge in Schwung. Leider reichte auch dies nicht aus,
um endlich den Filzigen Röhrling (Xerocomus subtomentosus),
auch Ziegenlippe genannt, verstärkt aus dem Boden zu locken.
Auch der Sandpilz (Suillus variegatus) trat erst verspätet und
nur vereinzelt in Erscheinung. Dafür fand sich in der zweiten
Hälfte des Septembers der zum Verzehr wenig empfehlenswerte
Fliegenpilz (Amanita muscaria) in Massen an und setzte auf dem
Waldboden die ersten Farbtupfer des bevorstehenden Herbstes.
In der Zeit Ende September, Anfang Oktober sollte alle Pilzfreunde
zufrieden im Walde gewesen sein, denn ob nun Röhrlinge,
Gelbfüße, Schirmpilze oder andere, für
jeden dürfte etwas schmackhaftes zu finden gewesen sein.
Insbesondere die langen und ergiebigen Regenfälle werden aber
auch manchem die Pirsch verdorben haben. So traten in der 40.-sten
Woche erneut Niederschläge um 25 l/m2 auf, die zum
Schluß fast in Schnee übergingen, denn die Luft
kühlte noch am Tage bis auf 2,5°C ab. Es begann eine
Kälteperiode, die über eine Woche anhielt und so
mancher Pilzart nicht so sonderlich gefiel. Das kalte Wetter
führte dann aber dazu, daß schon am 09.10. die
ersten Austerseitlinge gesichtet werden konnten, mindestens vierzehn
Tage bis drei Wochen zu früh.
Leider war der September zu kalt und bereitete dem Pilzjahr keinen
optimalen Herbst. Die zu kalte Witterung behinderte offensichtlich die
weitere Ausbildung von Fruchtkörpern. Insbesondere der
Maronenröhrling (Xerocomus badius), ein auch von weniger
Kundigen oft gesuchter Speisepilz, trat selbst zu seiner sonst besten
Zeit im Oktober meist nur in wenigen vereinzelten Exemplaren in
Erscheinung. Da nutzte auch die milde Witterung in der zweiten
Oktoberhälfte nicht mehr viel. Eigentlich waren die
Voraussetzungen für das Pilzwachstum im Oktober gut, denn in
anderen Jahren traten zu dieser Zeit oft schon erste stärkere
Fröste in Lagen oberhalb 600m auf. Doch im vergangenen Jahr
konnten noch bis Anfang November neben verschiedenen
Täublingen, Hexenpilzen (Boletus erythropus),
Maronenröhrlingen (Xerocomus badius),
Rotfußöhrlingen (Xerocomus chrysenteron),
Riesenschrirmpilze, (Macrolepiota rachodes) Perlpilze (Amanita
rubescens), Semmelstoppelpilze (Hydnum repandum) sogar noch
Pfifferlinge (Cantharellus cibarius) gesichtet werden.
1998 war das Jahr des flockenstieligen Hexenröhrlings (Boletus
erythropus), der Birkenpilze (Leccinum scabrum), Rotkappen (Leccinum
rufum) oder auch der Safranschirmpilze (Macrolepiota rachodes). Auch
der Steinpilz (Boletus edulis) waren nicht selten zu finden. Und 1998
war, wie auch schon das vorherige, ein sehr gutes Jahr für den
Pfifferling (Cantarellus cibarius). Allerdings waren die Fundorte doch
zumeist abgelegen und versteckt und blieben somit vielen Pilzfreunden
verborgen.
Insbesondere durch das lange und starke Auftreten des flockenstieligen
Hexenpilzes von Mai bis November können wir 1998 zu den
überdurchschnittlich guten Pilzjahren rechen, welches aber
trotzdem nur leicht über den langfristigen Erwartungen
lag.
Andere Arten traten dagegen weiter ihren Rückzug an, das waren
insbesondere die Ziegenlippe, der Sandpilz (Suillus variegatus) und,
für die meisten Pilzfreunde besonders schwerwiegend, auch der
gern gesuchte Maronenröhrling. Positiv ist insbesondere die
Entwicklung der in einigen Gegenden bereits unter Schutz gestellten
Rotkappe zu sehen.
Jetzt nachdem die Tage kürzer und vor allem kälter
geworden sind, lohnt es sich auch für einen versierten
Pilzfreund weit weniger zu einem Spaziergang aufzubrechen. Es ist nun
mehr die Zeit des Philosophierens am warmen Ofen angebrochen, denn eine
Menge Sprüche und Redewendung sind auch unmittelbar mit dem
Pilzesammeln verbunden.
Zum Beispiel heißt es: "Pilze wachsen am besten bei Regen",
"Pilze schießen aus dem Boden", "Der ist aber ein
Glückspilz!" oder aber auch "Der hat närrische Pilze
gegessen!" Letzteres Sprichwort hängt übrigens mit
dem früher auch als "Narrenpilz" bezeichneten Fliegenpilz, des
wohl schönsten Pilzes unserer Wälder, über
dessen berauschende und zungenlösende Wirkung auch schon im
"Tintling" berichtet wurde.
Eine andere Volksweisheit besagt: "Bei zunehmendem Mond wachsen die
Pilze, bei abnehmendem Mond dagegen weniger!" Dies resultiert aus der
jeden Pilzfreund interessierenden Frage, wie das oft von Woche zu Woche
deutlich unterschiedliche Auftreten der Pilze zu erklären sei.
Es gibt Zeiten, da ist der Wald wie leer gefegt, das nächste
mal trifft man auf Schritt und Tritt auf andere Arten. Die einzelnen
Phasen des Auftretens von Pilzen liegen zumeist 3 bis 5 Wochen
auseinander. Solch ein periodisches Wachstum, welches mehr oder weniger
intensiv zu allen Jahreszeiten zu finden ist, führte zu der
weit verbreiteten Meinung, daß die Phasen des Mondes
unmittelbar das Pilzwachstum beeinflussen.
Um diesem Volksglauben einmal nachzugehen, wurden in einer
längerfristigen Betrachtung alle Pilzwanderungen der Jahre
1985 bis 1997, über die stets genaue Aufzeichnungen gemacht
wurden, ausgewertet und die Funde den einzelnen Mondtagen zugeordnet,
vom ersten Tag des Zyklusses, dem Tag nach Vollmond, bis hin zum 28.
Tag, wenn uns der Mond wieder seine volle Schönheit
zeigt.
Über den gesamten Zyklus der einzelnen Mondphasen von 28 Tagen
war definitiv kein Zusammenhang zwischen dem Auftretens von Pilzen und
dem Mondzyklus zu verzeichnen. Die Resultate schwanken statistisch
begründet mehr oder weniger um einem Mittelwert. Dies betrifft
alle betrachteten Arten wie z.B. Maronenröhrling,
Flockenstieliger Hexenpilz, Rotfußröhrling,
Lärchenröhrling, Steinpilz, Sandpilz oder
Pfifferling.
Aus den vorliegenden langfristigen Untersuchungen kann deshalb ein
Einfluß der Mondphasen auf das Pilzwachstum
vollständig ausgeschlossen werden. Feststellungen dieser Art
müssen in den Bereich der Phantasie und des Aberglaubens
verbannt werden. Wie sollte sich auch der Mond auf das Pilzwachstum
auswirken? Zumeist ist er doch hinter den Wolken versteckt, noch dazu
im finsteren Wald, wo sich die Fruchtkörper unter Nadeln,
Laub, Reisig, Moos, Heide oder Gras bilden.
Das einzelne Pilze sind in den letzten Jahren immer weniger zu sehen,
während andere verstärkt auftreten, hängt
u.a. mit dem in jedem Jahr unterschiedlichen Klima, d.h. dem
wechselvollen Zusammenspiel von Regen und Temperatur, von Trockenzeiten
und Perioden stärkeren Niederschlages, zusammen. Dabei ist das
Wachstum des Pilzmyzels über einen längeren Zeitraum
zu sehen. Nach einem stärkeren Einbruch (ausgelöst
etwa durch eine längere Dürreperiode im Sommer)
braucht dieses offensichtlich Jahre, um sich wieder voll auszubilden
und entsprechend viele Fruchtkörper zu bilden.
Viel wichtiger als der Mond für die Entwicklung des Pilzmyzels
sollte aber die Sonne sein, als der Energielieferant für alles
Leben auf der Erde. Vorstellbar wäre ein Einfluß der
Sonnenfleckenaktivität, die in einem Zeitraum von etwa elf
Jahren schwankt und dabei unmittelbare Auswirkungen auf unser Klima
hat. Denken wir nur an die Unterschiede in den Jahresringen der
Bäume, deren Dicke einen Elfjahreszyklus aufweist. Beim
Schmetterlingsporling (Trametes versicolor) und anderen
mehrjährig wachsende Arten können wir sehr deutlich
die Wachstumsphasen über den Zeitraum von mehreren Jahren
verfolgen, ähnlich wie bei den Wachstumsringen in
Baumscheiben.
Betrachtet man detailliert das Auftreten der Röhrlingsarten,
so deutet sich über einen längeren Zeitraum solch ein
Einfluß der Sonnenaktivität an. Sehr wenige Pilze
wurden im letzten Jahrzehnt in den Jahren 1983 und 1989 gefunden, d.h.
in Perioden mit besonders starken Sonnenfleckenaktivitäten
(1979 - 1983) bzw. (1989 - 1992). Relativ viele Pilze wuchsen dagegen
1986 und 1993, also im Anschluß an die Sonnenfleckenmaxima.
Sollte dies kein Zufall gewesen sein, so ist auch im kommenden Jahr mit
weniger Pilzen zu rechnen. Hinzu kommt, daß seit dem Maximum
1993 ein längerfristiger Abwärtstrend existiert, der
aber in diesem Jahr leicht durchbrochen werden konnte. 1998 waren zwar
mehr Pilze zu finden als im Vorjahr, aber die langfristigen Tendenzen
zeigen auch, daß auf ein gutes Jahr, stets ein weniger gutes
folgt. So ist dann für 1999 erneut ein etwas schlechteres
Pilzjahr zu erwarten. Erst zu Beginn des neuen Jahrtausends sollte
wieder mit einem stärkeren Auftreten über mehrere
Jahre hinweg gerechnet werden. Insbesondere das Jahr 2002 kann ein sehr
gutes Pilzjahr werden, freilich nur, wenn uns das Wetter nicht einen zu
großen Strich durch die Rechnung macht. In diesem
Zusammenhang wäre es interessant zu erfahren, ob andere Leser
des "Tintlings" ähnliche langfristige Betrachtungen des
Pilzwachstums vorliegen haben. Damit wären noch detailliertere
Betrachtungen zum Beispiel darüber möglich, ob und
inwieweit unsere Waldpilze durch die verschiedenen
Umwelteinflüsse gefährdet sind.
Das neue Pilzjahr 1999 sollte die gleichen Favoriten wie das alte
haben, allerdings sollte nicht wieder mit einem derartig starken
Auftreten des flockenstieligen Hexenpilzes gerechnet werden. Nachdem
der Pfifferling seit dem Jahre 1990 sich immer weiter ausbreitete, ist
nun aber damit zu rechnen, daß diese Entwicklung ihr Maximum
erreicht hat. Der Pfifferling sollte deshalb weiterhin geschont werden.
Es gibt genügend Exemplare dieses Edelpilzes, die
über den Gemüsehändler ihren Weg aus
Osteuropa zu uns gefunden haben.
Der Maronenröhrling und insbesondere auch der goldgelbe
Lärchenröhrling scheinen jetzt das Ende ihres
Rückganges gefunden haben und sollten spätestens ab
dem Jahre 2000 wieder verstärkt in den vogtländischen
und anderen Wäldern zu finden sein.
Ob gutes oder schlechtes Pilzjahr, der wahre Pilzfreund findet immer
etwas, um sich zu erfreuen, nicht nur im Herbst, wenn die
Wälder voll sind von Gelegenheitssammlern. Wer sich die Zeit
nimmt, kann die Pilze zwar nicht aus dem Boden schießen
sehen, wohl aber, wenn er das eine oder andere Exemplar stehen
läßt, ihr Wachstum beobachten. Besonders im
kühlen Herbst brauchen viel Arten zwei bis drei Wochen bis zur
vollständigen Größe. Natürlich ist
nicht immer auszuschließen, daß sich die Tiere des
Waldes wie Schnecken, Mäuse oder auch Eichhörnchen
oder der "Hauptfeind" der Pilze der Zweibeiner aus der Stadt sich
seiner annehmen. Aber ein über mehrere Wochen im Walde
gehegtes und gepflegtes Riesenexemplar bereitet doch bestimmt mehr
Freude als den kleinen Winzling, den man vor mehreren Wochen fast
übersehen und zertreten hätte.
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